Chronik 1911

JANUAR
  • 8. 1.
    Als letzte absolute Monarchie Europas erhält das Fürstentum Monaco eine Verfassung.
  • 11. 1.
    In Portugal bringt ein Eisenbahnerstreik den gesamten Zugverkehr zum Erliegen. Der Ausstand ist Ausdruck der Unzufriedenheit vieler Portugiesen mit den Ergebnissen der Revolution von 1910.
  • In Berlin wird die "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften" (heute: Max-Planck-Gesellschaft) gegründet. Der Aufnahmebeitrag beläuft sich auf 20.000 Mark, der Jahresbeitrag auf 1.000 Mark. Erster Präsident der Gesellschaft wird der Theologe Adolf von Harnack, zum Führungsgremium gehören der Industrielle Gustav Krupp von Bohlen und Halbach und der Bankier Ludwig Delbrück (1860-1913).
  • 19. 1.
    Der Imam des Jemen erklärt dem Osmanischen Reich den Krieg. Damit erreicht der Unabhängigkeitskampf der Araber gegen die osmanische Herrschaft eine neue Stufe.
  • 24. 1.
    Trotz weltweiter Proteste werden in Japan zwölf Oppositionelle als "Anarchisten" hingerichtet. Ihnen wird die Beteiligung an einer Verschwörung gegen Kaiser Mutsuhito (1852-1912) zur Last gelegt. Unter den Exekutierten befindet sich der Gründer der sozialdemokratischen Partei, Dendshiro Kotoku.
  • 26. 1.
    Uraufführung der Oper "Der Rosenkavalier" von Richard Strauss in Dresden.
  • 31. 1.
    Tod des Verlegers und Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) Paul Singer in Berlin. Sein Nachfolger wird Hermann Molkenbuhr.
FEBRUAR
  • 1. 2.
    Eine internationale Anleihe in Höhe von umgerechnet 8,2 Millionen Mark soll die Unabhängigkeit der westafrikanischen Republik Liberia sichern. Das Kapital stammt überwiegend von amerikanischen Banken. Liberia ist neben Abessinien der einzige unabhängige Staat Afrikas.
  • 6. 2.
    Ein Großbrand vernichtet in Konstantinopel (heute: Istanbul) die "Hohe Pforte", den Regierungssitz des Osmanischen Reichs. Die Polizei vermutet Brandstiftung, kann jedoch die Täter nicht ermitteln. Ein Jahr zuvor war ein Palast des Sultans abgebrannt.
  • 11. 2.
    Die Regierung des Osmanischen Reichs kauft für Truppentransporte in die Krisenregion auf der Arabischen Halbinsel von der deutschen Schiffahrtsgesellschaft Norddeutscher Lloyd den Dampfer "Heidelberg". Bereits im Januar hatte Konstantinopel drei deutsche Schiffe erworben.
  • 24. 2.
    Der französische Ministerpräsident Aristide Briand erklärt vor der Abgeordnetenkammer seinen Rücktritt. Briand war wegen seiner schwankenden Haltung in dem seit Jahren andauernden Konflikt zwischen Staat und Kirche in die Kritik geraten.
  • 27. 2.
    Im Reichstag weist das Zentrum auf den Antisemitismus in der Armee hin. Seit mehreren Jahren sei kein Jude in das Offizierskorps gewählt worden.
MÄRZ
  • 2. 3.
    Das britische Unterhaus billigt in zweiter Lesung mit 368 gegen 243 Stimmen das Gesetz zur Aufhebung des Vetorechts des Oberhauses.
  • 4. 3.
    Neuer Ministerpräsident Frankreichs wird der Radikalsozialist Ernest Monis (1846-1929).
  • 12. 3.
    Mit Volksfesten feiert das Königreich Bayern den 90. Geburtstag von Prinzregent Luitpold (1821-1912), dem ältesten deutschen Monarchen.
  • 13. 3.
    Der britische Außenminister Edward Grey schlägt Deutschland ein Rüstungsbegrenzungsabkommen vor. Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg lehnt im Reichstag ein solches Abkommen ab.
  • 17. 3.
    Die chinesische Regierung verbietet das Rauchen von Opium.
  • 19. 3.
    Erstmals demonstriert rund eine Million Frauen in verschiedenen europäischen Ländern für Emanzipation, Wahlrecht und Demokratie. Die Einführung eines Internationalen Frauentags geht auf einen Beschluss der II. Internationalen Konferenz sozialistischer Frauen vom August 1910 zurück.
  • 27. 3.
    Giovanni Giolitti übernimmt zum vierten Mal das Amt des Ministerpräsidenten in Italien. In seiner Regierungserklärung bekennt er sich zur "absoluten Bündnistreue" und zur "größten Herzlichkeit in der Freundschaft mit allen Mächten".
APRIL
  • 1. 4.
    Die ersten 85 Arbeiterfamilien beziehen ihre neuen Häuser in der Essener Siedlung Margarethenhöhe, die aus Mitteln der Margarethe-Krupp-Stiftung errichtet wurden. Die Inhaber der Stahl- und Rüstungsfirma Krupp betreiben seit Jahren eine vorbildhafte Sozialpolitik für ihre Arbeiter und Angestellten, von denen sie im Gegenzug den Verzicht auf gewerkschaftliche Betätigung erwarten.
  • 4. 4.
    Im Großherzogtum Hessen werden mit der Änderung des Wahlgesetzes das Pluralwahlrecht und die direkte Wahl der Abgeordneten eingeführt. Demnach sind nach wie vor nur männliche Steuerzahler über 24 Jahre wahlberechtigt, 50jährige und Ältere erhalten jedoch eine Zusatzstimme.
  • 5. 4.
    Das britische Oberhaus nimmt eine Resolution von Feldmarschall Frederick Sleigh Roberts (1832-1914) zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht an.
  • 12. 4.
    Der französische Flugpionier Pierre Prier bewältigt als erster die Strecke London - Paris in einem Non-Stop-Flug. Für die rund 400 km benötigt der Einpersonen-Eindecker drei Stunden und 56 Minuten.
  • 19. 4.
    Das Eingreifen französischer Truppen in den Kampf gegen die aufständischen Berberstämme führt zu einer weiteren Zuspitzung der zweiten Marokko-Krise.
  • 21. 4.
    In Portugal wird ein Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat verkündet.
MAI
  • 6. 5.
    In Dresden wird eine Internationale Hygieneausstellung eröffnet. Mit 325.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche übertrifft sie die letztjährige Weltausstellung in Brüssel. Besondere Beachtung findet der Ausstellungspalast Frankreichs. Erstmals seit dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 beteiligt sich Frankreich wieder an einer Ausstellung in Deutschland.
  • 7. 5.
    In der Südafrikanischen Union wird eine Volkszählung durchgeführt. Von den 5,9 Millionen Einwohnern sind 1,2 Millionen Weiße. Gemäß der Verfassung der Union, die auf dem Prinzip der Rassentrennung (Apartheid) beruht, hat die farbige Bevölkerungsmehrheit keinerlei politische Rechte.
  • 15. 5.
    Das deutsche Kaiserpaar trifft zu einem fünftägigen Staatsbesuch in Großbritannien ein und wird von König Georg V. (1865-1936) und der Londoner Bevölkerung freundlich empfangen. Der britisch-deutsche Flottenkonflikt ist bei dem Besuch kein Gesprächsthema.
  • Das Oberste Bundesgericht der USA entscheidet, dass der Erdölkonzern Standard Oil Company of New Jersey als Trust anzusehen ist und binnen sechs Monaten aufgelöst werden muß. Grundlage für die Entscheidung ist das 1890 in Kraft getretene Antitrustgesetz. Ein ähnliches Urteil trifft am 29. Mai die American Tobacco Company.
  • 18. 5.
    Tod des österreichischen Komponisten Gustav Mahler in Wien.
  • 26. 5.
    Der Deutsche Reichstag verabschiedet eine Verfassung und ein Wahlgesetz für Elsaß-Lothringen. Das Reichsland wird in wesentlichen Punkten den anderen deutschen Bundesstaaten gleichgestellt und erhält eine frei gewählte Volksvertretung. Elsaß-Lothringen erhält drei Stimmen im Bundesrat.
  • 30. 5.
    Der Deutsche Reichstag verabschiedet mit 232 gegen 58 Stimmen die Reichsversicherungsordnung. Mit ihr werden die aus der Bismarck-Zeit stammenden Sozialgesetze wesentlich erweitert.
JUNI
  • 4. 6.
    Neuer deutscher Fußballmeister wird Victoria 89 Berlin durch einen 3:1-Sieg über den VfB Leipzig. Das Endspiel in Dresden sehen 12.000 Zuschauer.
  • 20. 6.
    In Bad Kissingen finden Gespräche zwischen dem deutschen Außenminister und dem französischen Botschafter über die Lage in Marokko statt. Deutschland fordert einen Ausgleich für das französische Vorgehen in Marokko.
  • 22. 6.
    In London beginnen die Krönungsfeierlichkeiten für König Georg V., an denen Abgesandte aller europäischen Höfe und aus dem gesamten britischen Empire teilnehmen.
  • 23. 6.
    Das französische Kabinett unter Ministerpräsident Monis tritt nach einer parlamentarischen Niederlage in der Frage des Oberbefehls in Kriegszeiten zurück. Neuer Regierungschef wird der bisherige Finanzminister Joseph Caillaux (1863-1944).
  • 24. 6.
    Das erste Schiff der "Dreadnought-Klasse" der österreich-ungarischen Kriegsmarine läuft in Triest vom Stapel.
  • 28. 6.
    Paul Freiherr Gautsch von Frankenthurm (1851-1918) übernimmt zum dritten Mal das Amt des österreichischen Ministerpräsidenten. Sein Vorgänger war nach der Niederlage der Christlichsozialen Partei (CP) bei den Reichsratswahlen am 13. Juni zurückgetreten.
JULI
  • 1. 7.
    Das deutsche Kanonenboot "Panther" läuft in den marokkanischen Hafen Agadir ein. Der "Panther-Sprung" manifestiert, dass das Deutsche Reich die Besitzergreifung Marokkos durch Frankreich nicht widerspruchslos hinnehmen will. Die zweite Marokko-Krise erreicht damit ihren Höhepunkt.
  • 6. 7.
    Der britische Premierminister Herbert H. Asquith betont vor dem Unterhaus die britischen Interessen in Marokko und verweist auf die Bündnisverpflichtungen gegenüber Frankreich.
  • 23. 7.
    Durch Brandstiftung werden am dritten Jahrestag der Revolution der Jungtürken in Konstantinopel mehrere Stadtteile eingeäschert. Mehr als 60.000 Menschen verlieren ihr Obdach.
AUGUST
  • 1. 8.
    Tod des Begründers der einheitlichen deutschen Rechtschreibung Konrad Duden in Sonnenberg bei Wiesbaden.
  • 3. 8.
    Tod des Bildhauers Reinhold Begas (1831-1911) in Berlin.
  • 9. 8.
    Der Vorstand der SPD fordert die Einberufung des Reichstags wegen der Marokko-Krise und wendet sich gegen die "Kriegshetzer".
  • 14. 8.
    Zur Unterstützung der streikenden Liverpooler Dockarbeiter entwickelt sich in Großbritannien ein landesweiter Eisenbahnerstreik, an dem sich 250.000 Arbeiter beteiligen. Es kommt zu Ausschreitungen und Zerstörungen. Insgesamt werden bei Auseinandersetzungen mit der Polizei 15 Menschen getötet, 450 schwer verletzt und 300 verhaftet. Die Ausstände enden mit Zugeständnissen der Regierung und der Arbeitgeber.
  • 15. 8.
    Rund 250.000 Belgier demonstrieren in Brüssel für das allgemeine und gleiche Wahlrecht und gegen das konservative Schulgesetz.
  • 19. 8.
    Deutschland und Russland unterzeichnen in Petersburg ein Abkommen über die gegenseitigen Interessensphären in Persien, das u.a. die Anbindung Teherans an die Bagdadbahn vorsieht.
  • 22. 8.
    Aus dem Pariser Louvre wird das Gemälde "Mona Lisa" von Leonardo da Vinci gestohlen.
  • 23. 8.
    In Portugal tritt die republikanische Verfassung in Kraft. Zum Präsidenten der Republik wird der Jurist Manuel de Arriaga (1840-1917) gewählt.
SEPTEMBER
  • 3. 9.
    Rund 200.000 Menschen demonstrieren im Treptower Park bei Berlin für die Erhaltung des Friedens. Zu der bis dahin größten Antikriegskundgebung in Deutschland hatte die SPD aufgerufen.
  • 7. 9.
    In Hamburg wird der Elbtunnel nach vierjähriger Bauzeit eingeweiht. Der aus zwei Röhren bestehende Tunnel mit jeweils einer Fahrspur und zwei Fußwegen ist 448,5 Meter lang und liegt 23,5 Meter unter dem Flussspiegel.
  • 14. 9.
    Auf den russischen Ministerpräsidenten Pjotr A. Stolypin (1862-1911) wird in Kiew ein Attentat verübt, an dessen Folgen er vier Tage später stirbt. Der Attentäter aus den Reihen der Sozialrevolutionäre wird gefasst und hingerichtet.
  • 17. 9.
    Vor dem Wiener Rathaus fordern 120.000 Menschen von der Regierung Maßnahmen gegen die Teuerungswelle bei Lebensmitteln. Bei anschließenden Straßenkämpfen zwischen Kundgebungsteilnehmern und der Polizei werden mehrere Menschen getötet. In den folgenden Tagen kommt es auch in anderen Städten Österreich-Ungarns zu Hungerrevolten.
  • 28. 9.
    Italien fordert das Osmanische Reich ultimativ auf, der Besetzung der Stadt Tripolis und der Cyrenaika durch italienische Truppen zuzustimmen. Als die Regierung in Konstantinopel dies ablehnt, erklärt Italien den Krieg und beginnt am 30. September mit der Beschießung des Forts von Tripolis.
OKTOBER
  • 1. 10.
    Rund 4.000 bewaffnete portugiesische Monarchisten dringen von Spanien aus in Portugal ein, um eine Erhebung gegen die Republik zu entfachen. Die Verbände der Monarchisten werden innerhalb weniger Tage von republikanischen Truppen zerschlagen.
  • Tod des Philosophen Wilhelm Dilthey (1833-1911) in Seis bei Bozen.
  • 5. 10.
    Italienische Marinetruppen besetzen nach mehrtägigem Bombardement Tripolis und richten ein Blutbad unter der Bevölkerung an.
  • 10. 10.
    Die Meuterei einer Garnison in der zentralchinesischen Stadt Wuchang (Wuhan) löst in China eine Revolution gegen die Mandschu-Dynastie aus. Am 12. Oktober sagt sich die Provinz Hupeh vom chinesischen Kaiserreich los und proklamiert die "Republik der Mitte".
  • 12. 10.
    In Berlin wird die erste Internationale Automobil-Ausstellung eröffnet.
  • 17. 10.
    Zum ersten Mal nach dem "Panther-Sprung" tritt der Reichstag zusammen. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg lehnt jedoch eine Debatte über die Marokko-Krise ab.
NOVEMBER
  • 3. 11.
    Karl Reichsgraf von Stürgkh (1859-1916) wird neuer Ministerpräsident von Österreich.
  • 4. 11.
    Deutschland und Frankreich unterzeichnen in Berlin ein Abkommen zur Beilegung der zweiten Marokko-Krise. Deutschland erkennt darin die Vorherrschaft Frankreichs in Marokko an und erhält dafür ein 275.000 Quadratkilometer großes Gebiet von Französisch-Kongo. In beiden Ländern stößt der Kompromiss auf scharfe Kritik der Konservativen.
  • 5. 11.
    Der italienische König Viktor Emanuel III. unterzeichnet ein Dekret über die Annexion von Tripolis und der Cyrenaika. Der Kriegszustand zwischen Italien und dem Osmanischen Reich bleibt bestehen.
DEZEMBER
  • 3. 12.
    Aufständische Truppen in China erobern die Stadt Nanking. Dort konstituiert sich ein provisorisches Revolutionsparlament.
  • 10. 12.
    Die französische Wissenschaftlerin Marie Curie erhält zum zweiten Mal einen Nobelpreis. Nachdem sie 1903 gemeinsam mit ihrem Mann Pierre Curie (1859-1906) den Nobelpreis für Physik erhalten hatte, wird ihr diesmal für die Entdeckung der Elemente Radium und Polonium den Nobelpreis für Chemie zugesprochen. Preisträger auf dem Gebiet der Physik ist Wilhelm Wien (1864-1928).
  • 12. 12.
    König Georg V. wird in Delhi zum Kaiser von Indien gekrönt. Am 15. Dezember legt das Kaiserpaar den Grundstein für den Aufbau der neuen Hauptstadt Neu-Delhi.
  • 14. 12.
    Der norwegische Polarforscher Roald Amundsen (1872-1928) und vier Begleiter erreichen als erste Menschen den Südpol. Sein britischer Konkurrent Robert Scott (1868-1912) trifft vier Wochen später am Ziel ein. Er und seine Begleitmannschaft finden während der Rückkehr den Tod.
  • 18. 12.
    In München wird die erste Ausstellung der von Wassily Kandinsky und Franz Marc initiierten Künstlervereinigung "Der Blaue Reiter" eröffnet. Die Ausstellung wird 1912 auch in anderen deutschen Städten gezeigt.
AUßERDEM:

Dorlis Blume/Andreas Michaelis
24. Juni 2015

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