> Erster Weltkrieg > Alltagsleben

Der "Kohlrübenwinter" 1916/17

Kein kriegführendes Land hatte Vorbereitungen für einen langen Krieg getroffen. Als die von den Entente-Staaten durchgesetzte Seeblockade zu einer spürbaren Verschlechterung der Lebensmittelversorgung in Deutschland führte, wurden 1915 Rationierung und Zwangsbewirtschaftung von Nahrungsmitteln eingeführt. Einen Höhepunkt erreichte die Versorgungskrise im Winter 1916/17: Die Kartoffelernte lag nur bei 50 Prozent des durchschnittlichen Ertrags. Als Ersatz für das Grundnahrungsmittel wurden rationierte Kohl- bzw. Steckrüben ausgegeben. Sie sind äußerst robust, gedeihen praktisch bei jedem Wetter und man benötigt kaum Kunstdünger für sie, den es im Ersten Weltkrieg nicht mehr in ausreichendem Maße gab. Zudem sind die Rüben vergleichsweise vitaminreich, was angesichts der Mangelernährung enorm wichtig war. Allerdings haben Steckrüben einen eher kleinen Kalorienanteil, weshalb sie trotz ihrer massenhaften Verwendung den Kalorienbedarf Erwachsener nur unzureichend abzudecken vermochten.

 

Der Arzt Alfred Grotejahn notierte am 17. März 1916 über die Folge der Unterernährung in sein Tagebuch: „Die Berliner Bevölkerung bekommt Woche zu Woche mehr ein mongolisches Aussehen. Die Backenknochen treten hervor, und die entfettete Haut legt sich in Falten.“ Noch dramatischere Ausmaße nahmen Hunger und Not in dem sogenannten Kohl- bzw. Steckrübenwinter 1916/1917 an, als aufgrund schlechter Ernte selbst Kartoffeln als Grundnahrungsmittel zur Versorgung der Bevölkerung ausfielen und durch Steckrüben ersetzt werden mussten. Lag der Durchschnittsverbrauch eines Erwachsenen 1913 bei rund 3.000 Kalorien am Tag, so fiel die Zufuhr 1917 meist unter 1.000 Kalorien. „Die Allgemeinsterblichkeit steigt jetzt stark. […]. Langsam aber sicher gleiten wir in eine zur Zeit allerdings noch wohlorganisierte Hungersnot hinein“, bemerkte Grotejahn am 20. Februar 1917. Trotzdem kamen die Ausmaße des "Hungerwinters" 1916/17 unerwartet und zermürbten die physische Widerstandskraft der Bevölkerung. Der gravierende Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften, an Kunstdünger und Zugtieren ließ auch die Getreideernte 1917 auf die Hälfte eines normalen Ertrags sinken.

Während der Kriegsjahre stieg die Kindersterblichkeit um 50 Prozent, doppelt so viele Mütter starben an den Folgen einer Geburt wie vor dem Krieg. Die Zahl der Geborenen lag in Berlin 1917 weniger als halb so hoch wie 1913. Grippe, Tuberkulose und andere Krankheiten nahmen infolge des geschwächten Immunsystems zu, das Wachstum der Kinder fiel weit geringer aus als in der Generation zuvor. Insbesondere in Berlin, aber auch in Hamburg und den Großstädten des Ruhrgebietes waren bis auf die Rippen abgemagerte Menschen sämtlicher Altersstufen in solchen Massen zu sehen, wie es Deutschland seit der Hungerkrise 1846/47 nicht mehr erlebt hatte. Die eingerichteten Volksküchen zu Massenspeisungen sowie die durch die Straßen fahrenden Feldküchen mit vergleichsweise preiswerten Mahlzeiten konnten die Not nur unzureichend mildern. Flugblätter und Kriegskochbücher gaben Hinweise, wie aus den Steckrüben nahhafte Mahlzeiten hergestellt werden konnten. Morgens, mittags, abends nur Steckrüben - die meisten Deutschen konnten sie nicht mehr sehen, und wer den Krieg überlebte, wollte sie in den 1920er Jahren nicht mehr essen. Schleichhandel und Wuchergeschäfte blühten. Während "Kriegsgewinnler" mit schnell verdientem Geld reich wurden, starben in Deutschland zwischen 1914 und 1918 schätzungsweise bis zu 700.000 Menschen an Hunger und Unterernährung.

Arnulf Scriba
8. September 2014

lo