> Erster Weltkrieg

Kriegspropaganda

Der Erste Weltkrieg war eine Materialschlacht - auch in der Propaganda. Für alle kriegerischen Auseinandersetzungen gilt, dass Objektivität und Ausgewogenheit den eigenen Interessen zumeist entgegenlaufen. Wenn das vermeintliche Wohl und die Zukunft des Staates auf dem Spiel stehen, ist es das Ziel einer jeden Regierung, den Fluss unabhängiger Informationen so weit es geht zu unterbinden und eine geschlossene Meinungsfront aufzubauen, um einen möglichst großen Teil der Bevölkerung hinter sich zu vereinen und Zustimmung für das eigene Handeln zu erhalten. Gleichzeitig gilt es, die Bevölkerung zu mobilisieren und keinen Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidungen und am glücklichen Ausgang des Konfliktes aufkommen zu lassen. In der national aufgeladenen, zum Teil hysterische Züge tragenden Atmosphäre sich überbietender Vaterlandsliebe bedurfte es keiner staatlichen Einflussnahme, um im Sommer 1914 Millionen Deutsche geistig für den Kampf zu mobilisieren. In einer rasch anschwellenden Flut von patriotischen Büchern und Broschüren, von Gedichten, Liedern und Theaterstücken ganz unterschiedlicher Qualität beschworen die meisten Autoren die nationale Geschlossenheit als das unüberwindbare Bollwerk, das es dem Feind unmöglich mache, Deutschland zu besiegen.

Selbstmobilisierung der Bevölkerung

Als der Erste Weltkrieg am 1. August 1914 begann, waren es junge Männer und Jugendliche, die unter dem Absingen patriotischer Lieder große Aufmerksamkeit auf sich zogen: Fotografien zeigen sie freudestrahlend und Hüte schwenkend auf den Straßen der Städte. Schon bald darauf wurden diese Umzüge in Artikeln und Büchern als Beweis für eine umfassende Kriegsbegeisterung in Deutschland herangezogen. Doch Begeisterung für den Krieg hegten tatsächlich nur vergleichsweise wenige Deutsche. Es gibt keine Fotografien von jenen Millionen Frauen und Männern, die angesichts des Krieges zu Hause sorgenvoll in Zukunft blickten. Bei den Deutschen herrschte keine Freude über den Krieg, aber die meisten Männer waren bereit, für das Vaterland in den Kampf zu ziehen. Wie in den anderen kriegsbeteiligten Staaten überwog auch in Deutschland die Überzeugung, einen Kampf zur Verteidigung der Heimat und der eigenen Kultur führen zu müssen. Aufgrund des erfolgreichen deutschen Vormarsches im Westen nahm die Siegeseuphorie schnell zu. Im August 1914 schwoll die Flut von Postkarten an, die den Feind lächerlich machten. Sie steigerten die Illusion, für die überlegene deutsche Armee sei es ein leichtes Spiel, den Sieg zu erringen.

Weitgehend unabhängig von staatlicher Steuerung oder behördlicher Beeinflussung entwickelte sich mit Beginn der Feindseligkeiten im August 1914 eine von privater Seite betriebene Massenpropaganda auf Alltagsgegenständen. Manch windige Geschäftemacher mögen angesichts der um sich greifenden patriotischen Aufbruchstimmung womöglich auf schnellen Gewinn spekuliert, andere Verleger und Unternehmer die entsprechende Produktion als ihren dringlichen Beitrag zur Stärkung der Kriegsmoral angesehen haben. Den Konsumenten werden die unterschiedlichen Motivationen gleichgültig gewesen sein: Den meisten von ihnen dienten die Appelle zur nationalen Einheit und zur radikalen Abgrenzung gegenüber den feindlichen Nationen als identitätsstiftende Orientierung in stürmisch bewegter Zeit, in der es zu regelrechten "Verdeutschungskampagnen" kam.

Hindenburgs Aufstieg zum "Kriegshelden"

Im Spätsommer 1914 wurde mit General Paul von Hindenburg der erste deutsche „Kriegsheld“ geboren. Wie es die Postkarte zum Ausdruck bringt, war sein Name untrennbar mit der Provinz Ostpreußen verbunden, nachdem die unter seinem Oberkommando agierende 8. Armee Ende August 1914 in Ostpreußen eine an Kopfzahl überlegene russische Armee geschlagen hatte. Keine 500 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt gerieten über 90.000 feindliche Soldaten in Gefangenschaft, statt ihren Vormarsch auf die Reichshauptstadt vollenden und – so die Überzeugung vieler Deutscher – weiteren Schrecken mit Plünderungen und Vergewaltigungen verbreiten zu können. Nachdem die 8. Armee im September 1914 die russische Offensive weitgehend abgeschmettert hatte, entwickelte sich um Hindenburg als "Sieger von Tannenberg" und „Befreier Ostpreußens“ rasch ein bis dahin beispielloser Personenkult. Hindenburg wirkte psychologisch beruhigend auf die durch den Krieg aufgewühlte Nation. Groß, breitschultrig und allem Anschein nach nervenstark in sich ruhend verkörperte Hindenburg die Sehnsüchte der Deutschen nach individuellem Heldentum und einer führungsstarken Identifikationsfigur, die ihnen das Gefühl von Sicherheit und das Vertrauen auf einen glücklichen Ausgang des Krieges vermittelte. Nicht aus staatlich gelenkter Propaganda, sondern aus einem Volksgefühl heraus erwuchs Hindenburg zum personifizierten Symbol des Sieges und der nationalen Einheit. Es wurde ihm zum Fundament, um 1916 gemeinsam mit seinem kongenialen Stabschef und Ideengeber Erich Ludendorff die Oberste Heeresleitung mit weitreichenden autoritären Befugnissen besetzen zu können. Bis Kriegsende 1918 und darüber hinaus zehrte Hindenburg von der Glorifizierung als siegreicher Feldherr von Tannenberg, der die Schlacht noch persönlich dirigiert und eine als existenziell angesehene Bedrohung abgewendet hatte.

Der Mythos des Frontsoldaten

Hindenburg war der klassische Gegenpol zur Anonymität des modernen industrialisierten Krieges, aus dem personenzentrierte „Kriegshelden“ kaum mehr emporsteigen konnten. Einzig der Luftkampf bildete ein letztes Refugium, in dem beim Duell „Mann gegen Mann“ noch Mut und persönliches Draufgängertum, Umsicht und taktisches Geschick über Leben und Tod mitentschieden. Siegreiche Jagdflieger wie Manfred von Richthofen, Max Immelmann oder Oswald Boelcke gaben wie der ebenfalls verehrte U-Boot-Kommandant Otto Weddigen dem ansonsten anonymisierten Krieg ein persönliches Gesicht.

Aufgrund des Fehlens von einzelnen erfolgreichen Schlachtenlenkern entstand der Typus eines neuen Helden: der namenlose Frontsoldat. Kein Bildnis verkörpert dessen Entschlossenheit und Siegeszuversicht so eindrucksvoll wie der 1917 von Fritz Erler entworfene Krieger, der die Stacheldrahtbarriere überwunden hat. Sein mit festem Blick hervorgebrachter Appell „Helft uns siegen!“ sollte die inzwischen kriegsmüde Bevölkerung zum Kauf von Kriegsanleihen animieren und die Verbindung von Front und Heimat stärken. Bis dahin waren Aufrufe zur Zeichnung von Kriegsanleihen in Deutschland nur als Schriftplakate erschienen. Erst bei der Kampagne für diese 6. Kriegsanleihe hatte sich die Reichsbank für ein Bildplakat mit Erlers Motiv entschieden. Sie war erfolgreich wie keine zuvor, denn mit dem einfachen Soldaten konnte sich jeder Deutsche identifizieren: Er war der Ehemann, Vater oder Sohn an der Front, für dessen möglichst baldige Heimkehr noch einmal ein finanzielles Opfer erbracht wurde – oder dessen Tod nicht umsonst gewesen sein sollte. Wie kein zweites Plakatmotiv in Deutschland symbolisiert dieser eine Soldat die staatlicherseits anvisierte nationale Gemeinschaft, die 1917 schon erhebliche Risse bekommen hatte.

Alliierte Gräuelpropaganda

Im Gegensatz zur deutschen war die gegnerische Propaganda von unverhohlen brutalen Feindbildern durchsetzt – und sie war damit in ihrer Wirkung auf die eigene Bevölkerung wie auf die neutralen Staaten sehr viel erfolgreicher als die fast harmlos und bieder erscheinende deutsche Propaganda, die bis Kriegsende 1918 auf Gräuelmotive verzichtete. Den Alliierten bot der völkerrechtswidrige deutsche Einmarsch in das neutrale Belgien mit der Ermordung von über 6.500 Zivilisten und der willkürlichen Zerstörung von Dörfern und Städten genügend Anlass, das Bild des deutschen Soldaten als mordenden Barbaren oder vergewaltigende Bestie zu zeichnen.

Der "hässliche Deutsche", der "Hunne" sowie die "Vergewaltigung der Nachbarstaaten" tauchten als Plakatmotiv im Verlauf des Krieges immer wieder auf. Preußischer Militarismus und kaiserlicher Großmachtswahn hießen die Übel, von denen die Welt befreit werden musste. Die Deutschen, das waren vor allem die "Barbaren". Geschichten deutscher Greueltaten an der Zivilbevölkerung wurden von den Propagandisten ausführlich beschrieben und verbreitet. Furchteinflößende Visionen von einer deutschen Herrschaft in Europa sollten den Kriegswillen gegen Deutschland stärken. Dafür fanden die Künstler drastische Bilder: Deutsche Soldaten hinterließen in Frankreich und Belgien als "Mordbrenner" zerstörte Kirchen, stießen den Gekreuzigten in den Schmutz und zogen als "King Kong" plündernd und frauenschändend durch die Lande.

Bildsprache und Methoden britischer und französischer Propaganda ähnelten sich, und auch in der amerikanischen Propaganda tauchten ab 1917 abschreckende Bilder von mordenden deutschen Monstern auf. Die Propagandaplakate sollten vor allem der eigenen Bevölkerung vermitteln, dass man auf der richtigen Seite stehe. Ein grundsätzlicher Unterschied zwischen der alliierten und der deutschen Propaganda schien zu sein, dass die Entente-Staaten in ihren Veröffentlichungen ihren Kriegseinsatz mit dem Verhalten des brutalen Feindes Deutschland begründeten - je grausamer die deutschen Taten, desto besser konnte der Bevölkerung die Notwendigkeit des Kriegs vermittelt werden. In Deutschland dienten die propagandistischen Bilder - auch für das feindliche Ausland bestimmten - fast ausschließlich der Bestätigung des deutschen Selbstbildes als überlegenes Kulturvolk, das sogar noch im Krieg seinen Feinden Gerechtigkeit widerfahren ließ; ein unschuldiges Opfer, das gerade aufgrund seiner Überlegenheit angegriffen wurde.

Arnulf Scriba
8. September 2014

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