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Bergbau im Ersten Weltkrieg

Die deutsche Industrie und Wirtschaft war 1914 kaum auf einen langen Krieg vorbereitet. Nur durch eine weitreichende Umstellung des gesamten Wirtschaftslebens auf die Bedürfnisse des Krieges gelang es dem Deutschen Reich, den riesigen Bedarf an Rüstungsgütern zu decken. Besonders im Bergbau wirkten sich die Kriegsanstrengungen auf das Produktionsvolumen und die Beschäftigungsverhältnisse aus.

Ab Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die Gesamtbelegschaft im Bergbau beständig vergrößert, Kohlenförderung und -produktion waren kontinuierlich gestiegen. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 kam es zur Einberufung eines großen Teils wehrpflichtiger Belegschaftsjahrgänge, so dass einige Zechen bereits im Herbst ihren Bedarf an Facharbeitern nicht mehr decken konnten. Die ungebremste Einziehung von Bergleuten und ihr Einsatz in der Rüstungsindustrie reduzierte die Gesamtbelegschaft des Ruhrbergbaus insgesamt um 27 Prozent, im Saarbergbau halbierte sie sich im Jahr 1914. Weitere Gründe für den Belegschaftsrückgang im Verlauf des Krieges waren freiwillige Arbeitsplatzwechsel in die Rüstungsindustrie - vor allem wegen der dortigen steigenden Verdienstmöglichkeiten - und die Rückkehr ausländischer Arbeiter in ihre Heimatländer nach Kriegsbeginn.

Die Verringerung der Belegschaft führte zu einem Rückgang der Förderleistung, da trotz technischer Modernisierung der eigentliche Abbau nur gering mechanisiert war und somit die Arbeitskraft des einzelnen Bergmanns der bestimmende Produktionsfaktor des Kohlenbergbaus blieb. Im Ruhrgebiet sanken Steinkohleförderung und Koksproduktion in den ersten Kriegswochen um fast 50 Prozent der durchschnittlichen Vorkriegsleistung, obwohl sich der Bedarf für die unmittelbare Produktion von Rüstungsgütern und für das zu versorgende Eisenbahnnetz stetig erhöhte. Hinzu kam, dass das Deutsche Reich aufgrund des Rohstoffmangels im eigenen Land darauf angewiesen war, Kohle im Austausch mit kriegswichtigen Rohstoffen in neutrale Staaten wie die Schweiz zu exportieren.

Die Belegschaftslücken hofften die Behörden zunächst durch Frauen und Jugendliche ausgleichen zu können. Schon Anfang August 1914 wurde per Gesetz die Aufhebung von Arbeitsbestimmungen und Beschäftigungsbeschränkung in Ausnahmefällen veranlasst, was zur vermehrten Beschäftigung von Frauen und Jugendlichen im Bergbau führte. Der Anteil der 16 bis 19-Jährigen an der Untertagebelegschaft im Ruhrgebiet vergrößerte sich von 1914 bis 1918 von 15,5 Prozent auf 40,5 Prozent. Der Einsatz von Frauen unter Tage blieb hingegen aus. Stattdessen wurden sie in der Bergwerksverwaltung, als Fahrerinnen und in Nebenbetrieben der Zechen beschäftigt. Ihre Zahl im Ruhrbergbau stieg von 1915 bis 1918 von rund 600 auf 24.000, ihr Anteil an der Gesamtbelegschaft erhöhte sich auf 6,6 Prozent. Auch der Anteil älterer Bergleute über 40 Jahre nahm von 25 Prozent (1913) auf 35 Prozent (1918) zu. Durch diese Maßnahmen konnten die zum Heer eingezogenen Bergleute aber nicht ausreichend ersetzt werden.

Als eine Mobilisierung zusätzlicher deutscher Arbeiter nicht mehr möglich war, konnte das Arbeitskräfteproblem nur noch durch die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte gelöst werden, vor allem durch Kriegsgefangene. Von ihnen hing seit dem Frühjahr 1915 in erheblichem Maße die Kohlenförderung in den großen deutschen Bergbaurevieren ab. Mit über 170.000 Kriegsgefangenen beschäftigte der Bergbau die meisten Zwangsarbeiter in der deutschen Wirtschaft. Allein im Ruhrbergbau erhöhten sich ihre Anzahl bis August 1918 auf mehr als 73.000, was einem Kriegsgefangenenanteil von rund 16 Prozent an der Gesamtbelegschaft entsprach (März 1915: rund 1 Prozent). An der Saar lag der Anteil noch etwas höher. Russen und Franzosen bildeten die größte Gruppe der vornehmlich im Untertagebetrieb als Kohlenhauer eingesetzten und in Barackenlagern auf dem Werksgelände untergebrachten Zwangsarbeiter. Allerdings rissen die Klagen über ihre minimale Arbeitsleistungen nicht ab.

Daneben gab es bis zum Herbst 1916 eine auf freiwilliger Basis beruhende Arbeitsmigration belgischer und polnischer Arbeiter nach Deutschland. Rund 12.000 Belgier, davon 6.700 für den Bergbau, und 75.000 polnische Arbeiter, von denen Anfang 1917 über 16.000 im Ruhrbergbau beschäftigt waren, konnten zur Arbeit in Deutschland angeworben werden. Da die Zahl der freiwilligen Arbeiter jedoch hinter den Erwartungen zurückblieb, begannen deutsche Behörden im Oktober 1916 mit Zwangsrekrutierungen in den besetzten Gebieten, um die kriegswirtschaftlichen Anforderungen im Bergbau erfüllen zu können. Dennoch konnte keine konstante Steigerung der Produktionsziffern im Bergbau erreicht werden: Zwar stieg die absolute Fördermenge beispielsweise im Ruhrbergbau 1917 auf rund 99.000 Tonnen an (1916: rund 94.300 Tonnen), im Jahr 1918 blieb sie aber mit knapp 95.800 Tonnen hinter dem Vorjahresergebnis zurück.

Nina Rockrohr
14. September 2014

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