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Die Berliner "Mietskaserne"

Im Gefolge der zunehmenden Urbanisierung Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich der Typus des dreigliedrigen Berliner Mietshauses mit Vorderhaus, Seitenflügel, Hinterhaus um einen Hof in dicht bebauten Quartieren mit Blockrandbebauung durch. Oft wurden auf den tief geschnittenen Grundstücken mehrere Höfe nach diesem Prinzip hintereinander gereiht. Meistens wurden zwei benachbarte Höfe, nur durch eine Mauer voneinander getrennt, zusammengelegt. Die Hofgröße genügte vor allem in den industrienahen, ärmeren Bezirken oft lediglich der Vorschrift, den Wenderadius der Feuerspritze zu berücksichtigen, und ließ zu wenig Raum für ausreichende Belichtung und Belüftung. Der Begriff der "Mietskaserne" wurde daher in Anlehnung an den spartanischen militärischen Wohnstandard und die oft kasernenartige Gleichmäßigkeit der Häuser geprägt. Im Kaiserreich wurde er zum Synonym für Wohnungselend.

Auch in den unzureichend isolierten Kellern und Dachböden der Mietshäuser wurden Wohnungen ausgebaut. Deshalb wandte sich James Hobrecht häufig mit scharfen Worten gegen die verbreitete Praxis der Bauherren, mit zu dichter Bebauung die Rendite der Mietshäuser auf Kosten der Gesundheit ihrer Bewohner zu steigern: "Fort mit den Kellerwohnungen, die gut sind für Fässer und Kartoffeln und Gemüse, aber nicht für Menschen! Raum für die Höfe!" notierte er 1868. Trotz seiner Kritik wurde der von ihm entworfene Bebauungsplan wiederholt für die Entstehung der "Mietskaserne" verantwortlich gemacht, doch waren vor allem die unzureichende Bauordnung, das Desinteresse der Politiker und die Kreditvergabebedingungen der Banken an den bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts bestehenden Missständen schuld. Aber Hobrecht war gleichwohl ein Befürworter des Mietshauses, da es nach seiner Überzeugung soziale Mischung garantierte, die Integration von Zuwanderern beförderte und damit die Segregation befestigenden englischen Arbeiterviertel verhinderte.

Klaus Strohmeyer
10. Juni 2003

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