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Industrie und Wirtschaft

Nach der Reichsgründung 1871 nahmen Industrie und Wirtschaft einen rasanten Aufschwung: Deutschland entwickelte sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von einem überwiegenden Agrarstaat zu einem industriell und großstädtisch geprägten Land. Zwischen 1871 und 1914 versechsfachte sich Deutschlands industrielle Produktion, die Ausfuhren vervierfachte sich. Nach dem so genannten Gründerkrach überflügelten die deutsche Industrie und Wirtschaft in der von Mitte der 1890er Jahre bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs anhaltenden Hochkonjunktur das bis dahin führende Großbritannien. Bis 1914 entwickelte sich Deutschland zur größten Industrienation Europas: Sein Anteil an der Weltindustrieproduktion lag bei rund 15 Prozent, der britische Anteil bei 14 und der US-amerikanische bei 32 Prozent. Aus der von Großbritannien zur Kennzeichnung von Waren vermeintlich minderer Qualität eingeführten Herkunftsbezeichnung "Made in Germany" war ein Qualitätsnachweis geworden. Doch trotz Industrialisierung und Urbanisierung blieb Deutschland eines der wichtigsten europäischen Agrarländer.

Gründerzeit und Gründerkrise

Neben der Vereinheitlichung der Währungen erhielt die Industrialisierung einen wesentlichen Impuls durch die 5 Milliarden Francs, die Frankreich nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 als Entschädigung zu zahlen hatte und die den Kapitalmarkt belebten. Nahezu zeitgleich entstanden große Geschäftsbanken, die den Unternehmen das für Investitionen erforderliche Geld langfristig zur Verfügung stellten und die Bildung großer Konzerne und Kartelle förderten. Vor allem die 1870 von Georg von Siemens gegründete Deutsche Bank sollte mit ihren Filialen auf allen Erdteilen die deutsche Außenwirtschaft unterstützen. In der Phase wirtschaftlicher Prosperität während der von großem Optimismus getragenen Gründerzeit entstanden zahlreiche neue Aktiengesellschaften, der Aktienhandel florierte in bis dahin unbekanntem Ausmaß, Aktienkurse stiegen scheinbar unbegrenzt, das Spekulationsfieber erfasste weite Kreise des Bürgertums. Gleichzeitig trieben Spekulanten Bodenpreise und Mieten in die Höhe, in Großstädten veränderten neureiche Börsianer nachhaltig das soziale Gesicht mancher Viertel.

Mit Einsetzen der "Gründerkrise" 1873 stockte der wirtschaftliche Aufschwung. Firmen- und Bankenzusammenbrüche, Niedergang von Handel und Gewerbe, ansteigende Arbeitslosigkeit und soziale Unzufriedenheit waren die unmittelbaren Folgen des konjunkturellen Einbruchs. Frustrierte Arbeiter, Handwerker, Gesellen und Tagelöhner sammelten sich protestierend in der Arbeiterbewegung, andere gaben den Juden die Schuld an der Krise und schürten einen populistischen Antisemitismus. Das verlangsamte Wirtschaftswachstum in der Stockungsphase bis 1880 sowie fallende Preise für gewerbliche Produkte korrigierten weitgehend die überhöhte Steigerung der vorangegangenen Jahre. Fallende Aktienkurse bedeuteten zumeist eine Angleichung an den tatsächlichen Wert von Aktiengesellschaften. Der allgemeine Industrialisierungsprozess wurde nach 1873 aber nicht unterbrochen.

Industrialisierung

Während der Anteil der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung 1871 bei rund der Hälfte der Gesamtbeschäftigten lag, reduzierte er sich bis 1907 auf 34 Prozent, gleichzeitig stieg der Anteil der im gewerblichen Sektor Tätigen von rund 29 auf 40 Prozent. Von diesen wiederum arbeiteten zu Beginn des 20. Jahrhunderts rund 60 Prozent in der Industrie und knapp 35 Prozent im Handwerk.  Die "alten" Industrien der "ersten" industriellen Revolution wie die Montanindustrie und der Bergbau erhöhten kontinuierlich die Produktion und absorbierten immer mehr Arbeitskräfte. Millionen Menschen wanderten seit Mitte des 19. Jahrhunderts aus den Agrargebieten in die expandierenden industriellen Zentren ab. Diese lagen in Berlin, im Aachener Becken, im lothringisch-saarländischen Eisenerzrevier, im sächsisch-thüringischen Raum, im Rhein-Main-Gebiet, in Oberschlesien sowie vor allem im Ruhrgiebiet. Hier entwickelte sich der der Krupp-Konzern unter Alfred Krupp zum größten Industrieunternehmen in Deutschland, der 1914 rund 80.000 Mitarbeiter beschäftigte. Die Gussstahlfabrik von Krupp in Essen war mit 40.000 Beschäftigten die größte weltweit und die bedeutendste Rüstungsschmiede des Reiches.

Die Industrialisierung ging einher mit einer außerordentlichen Steigerung des Energieverbrauchs, der vor allem von Stein- und Braunkohle gedeckt wurde. Von 1870 bis 1913 stieg die jährliche Steinkohleförderung von 26,5 auf über 190 Millionen Tonnen. Die Roheisenproduktion in Deutschland stieg im gleichen Zeitraum von rund 1,4 auf 16,8 Millionen Tonnen pro Jahr, die Rohstahlerzeugung von etwa einer auf 17,7 Millionen Tonnen. Für die Entwicklung der Industrie von entscheidender Bedeutung war die enorme Erhöhung von Transportkapazität und -geschwindigkeit bei gleichzeitiger Reduzierung der Kosten durch die Eisenbahn, die ein Motor des Wirtschaftswachstums und Zusammenwachsens des Deutschen Reiches war. Die Eisenbahn, deren Streckennetz von 1870 bis 1913 von 18.876 auf 63.378 Kilometer zunahm, erlaubte die Erschließung entfernterer Rohstoffvorkommen und neuer Märkte. Neben der Eisenbahn war das Schiff wichtigstes Transportmittel. Zwischen 1871 und 1912 verzehnfachte sich die Beförderungsleistung der deutschen Handelsschifffahrt auf den Weltmeeren.

Neue Leitsektoren

Die beiden letzten Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg standen in Deutschland im Zeichen wirtschaftlicher Hochkonjunktur. Eng verbunden mit der Zunahme deutscher Exporte war der rasante Aufstieg der neuen industriellen Leitsektoren: Maschinenbau sowie vor allem Großchemie und Elektroindustrie. Bei der Entwicklung neuer, zukunftsträchtiger Technologien auf dem Gebiet der Elektrotechnik und der Chemischen Industrie belegte Deutschland dank des intensiven Zusammenwirkens von wissenschaftlicher Forschung und Kapital, das Investoren zur Verfügung stellten, weltweit einen führenden Platz. Nicht zuletzt mit Hilfe dieses Investitionsschubs überwand Deutschland die Folgen der "Gründerkrise".

Der Entwicklung erster Dynamos zur Stromgewinnung folgten bald elektrische Fernleitungen und der Bau von Kraftwerken. Sie versorgten ab den 1880er Jahren erst kleinere Firmen, dann Stadtteile und ab etwa 1890 ganze Städte mit Strom. Jede zweite elektrische Maschine und Installation weltweit stammte 1914 von der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) oder Siemens. Nicht weniger erfolgreich waren Chemiegiganten wie die Badischen Anilin- und Soda-Fabriken (BASF), Bayer und Hoechst mit ihren international verbreiteten Farbstoffen und pharmazeutischen Produkten. Zur Spitze des technischen Fortschritts gehörten insbesondere Fabriken für Optik und Feinmechanik. Sie stützten sich oft auf hoch spezialisierte kleine Betriebe, aus denen weltweit agierende Unternehmen wie die 1846 von dem Mechaniker Carl Zeiss (1816-1888) in Jena gegründeten Werkstätten für Feinmechanik und Optik entstanden. Auf Basis der wissenschaftlichen Leistung von Ernst Abbe (1840-1905) revolutionierten die Zeiss-Werke die Mikroskoptechnik und die Hochleistungsoptik. Die zahlreichen technisch-industriellen Errungenschaften veränderten auch das Alltagsleben nachhaltig.

In allen industriellen Zentren entstand mit den Industriearbeitern und den Angestellten ein neuer Typ von Arbeitnehmern. Bei einem kontinuierlichen Anstieg der Produktion sank die wöchentliche Arbeitszeit von 72 Stunden (1872) über 62 Stunden (1900) auf 57 Stunden (1914). Gleichzeitig stiegen die Reallöhne kontinuierlich an, die Lebensverhältnisse großer Bevölkerungskreise verbesserten sich, nicht zuletzt auch durch die staatliche Sozialgesetzgebung. Trotzdem kam es aufgrund zu langer Arbeitszeiten und als unwürdig empfundener Arbeitsbedingungen in Deutschland immer wieder zu Streiks, an denen sich Tausende Arbeiter beteiligten.

Während in Großbritannien eine freihändlerische Haltung vorherrschte, war die deutsche Wirtschaftspolitik von staatlichen Subventionen und starken Tendenzen zum Schutzzoll geprägt. Der rasante Wirtschaftsaufschwung und der aggressiv geführte Kampf um Absatzmärkte und Kolonien führte die Wirtschaftsmacht Deutschland, die sich seit der Jahrhundertwende zunehmend auch als politische Weltmacht positionieren wollte, in einen sich verstärkenden Interessenkonflikt mit den anderen Industriestaaten.

Arnulf Scriba
25. August 2014

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