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Der Boxeraufstand

Ende des 19. Jahrhunderts war die Welt unter den europäischen Großmächten weitgehend aufgeteilt. Ihr Interesse richtete sich daher auf die letzten noch nicht kolonialisierten Gebiete der Erde, insbesondere auf China. Das Deutsche Reich, das seine Kolonialpolitik erst relativ spät begonnen hatte und im Wettlauf um den Besitz überseeischer Gebiete ins Hintertreffen zu geraten drohte, hatte wie auch die anderen europäischen Großmächte sowie die USA und Japan zur Abwicklung seines Handels und zur schrittweisen Kolonisation in China Häfen gepachtet. Wichtigster deutscher Stützpunkt war die Hafenstadt Tsingtau, gelegen in der Bucht von Kiautschou in der chinesischen Provinz Schantung.

Aufgrund einer gegenseitigen Neutralisierung konnte keine Großmacht entscheidende territoriale Gewinne in China erzielen und eine Vormachtsstellung erringen. Daher betrieben sie die auf Handelsfreiheit und Kooperation gerichtete Politik der sogenannten Offenen Tür. In der Folge gab es verstärkt Konflikte zwischen China und den Kolonialmächten, die zudem damit begonnen hatten, auch durch christliche Missionierung und verstärkten Kulturtransfers ihren Machtbereich zu vergrößern. Dagegen formierte sich der chinesische Geheimbund der "Boxer". Zunächst ging diese Bewegung nur gegen zum Christentum konvertierte Chinesen vor. Mit dem immer größer werdenden Einfluss der Kolonialmächte auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens entwickelten die "Boxer" jedoch eine zunehmend fremdenfeindliche Stoßrichtung. Vom Nordwesten des Landes ausgehend, breiteten sie sich rasch in mehreren Provinzen aus und verfolgten das Ziel der Befreiung Chinas von ausländischer Einflussnahme.

Im Frühjahr 1900 begann in dem durch eine verheerende Dürre - an der laut "Boxer"-Propaganda Ausländer die Schuld trugen - stark in Mitleidenschaft gezogenen Norden Chinas ein Aufstand, der schon bald die Hauptstadt erreichte. Rund 25.000 Aufständische versuchten im Juni, ins Pekinger Gesandtschaftsviertel einzudringen, das aber von rund 3.300 Diplomaten, ausländischen Soldaten und christlichen Chinesen gehalten werden konnte. Unterstützt wurden die pro dynastisch eingestellten "Boxer" bei ihrem Vordringen von Teilen der regulären chinesischen Truppen. Das chinesische Kaiserhaus und dessen führende Beamte hatten eindeutige Positionen gegen die Aufständischen in der Hoffnung vermieden, sich mit ihrer Hilfe der Kolonialmächte entledigen zu können.

International sorgte der sogenannte Boxeraufstand, bei dem annähernd 23.000 Chinesen christlichen Glaubens sowie zahlreiche Beschäftigte ausländischer Botschaften umkamen, für Aufsehen und Entrüstung. Die Ermordung des deutschen Gesandten Clemens Freiherr von Ketteler (1854-1900) am 20. Juni 1900 veranlasste die Kolonialmächte auf Initiative von Kaiser Wilhelm II. schließlich zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen die Aufständischen. Obwohl das Botschaftsviertel nach fast zweimonatiger Belagerung von einer eilig zusammengezogenen, 20.000 Mann starken internationalen "Not-Truppe" aus im pazifischen Raum stationierten Deutschen, Briten, Amerikanern, Russen, Japanern, Franzosen, Italienern, und Österreichern im August 1900 entsetzt werden konnte, wurde dennoch der zur Niederschlagung des Aufstands begonnene Aufmarsch größerer Kontingente alliierter Truppen fortgesetzt.

Auch die von Kaiser Wilhelm II. mit der "Hunnenrede" verabschiedeten deutschen Verbände unter der Führung von Generalfeldmarschall Alfred Graf von Waldersee trafen erst nach der Befreiung Pekings in China ein. Da Deutschland durch den Tod seines Gesandten das am stärksten gedemütigte Land war, übernahm Waldersee in internationalem Einvernehmen die Führung der auf 60.000 bis 90.000 Mann geplanten alliierten Truppen, von denen das Deutsche Reich mit 20.000 Soldaten das weitaus größte Kontingent stellte.

Weil die Hauptaufgabe, der Entsatz des Botschaftsviertels, bereits geleistet worden war und die weitere Bekämpfung der Aufständischen im Landesinneren nunmehr von chinesischen Verbänden übernommen wurde, führten die internationalen Truppen Strafexpeditionen durch. Zahlreiche "Boxer" wurden hingerichtet, Dörfer geplündert und niedergebrannt. Dieses Vorgehen fand erst mit dem Frieden von Peking vom 7. September 1901, dem sogenannten Boxerprotokoll, ein Ende. Der Friedensvertrag verpflichtete China zu hohen Kriegsentschädigungen, sicherte den militärischen Zugang zu den Gesandtschaften und schrieb die Sühnereise eines Mitglieds des chinesischen Kaiserhauses nach Deutschland vor.

Christian Preuße
2. Februar 2015

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