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Bismarcks Bündnissystem

Außenpolitisch bildete der 1871 gegründete deutsche Nationalstaat eine neue gewichtige Macht in der Mitte Europas, von den anderen europäischen Großmächten mit Argwohn beobachtet. Reichskanzler Otto von Bismarck versuchte deshalb, das Reich mit Hilfe einer komplizierten Bündnispolitik friedlich in das internationale Staatensystem einzubinden. Durch wechselnde Bündnisse wollte er das Deutsche Reich besonders vor dem im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gedemütigten und auf Revanche sinnenden Frankreich schützen. Um eine Koalition der Verlierer von 1866 und 1870/71, Österreich-Ungarn und Frankreich, zu verhindern und gleichzeitig Handlungsspielraum gegenüber Russland zu gewinnen, bemühte Bismarck sich um ein Bündnis mit Österreich-Ungarn und Russland.

Im September 1872 trafen sich Wilhelm I., der österreichische Kaiser Franz Joseph I. und der russische Zar Alexander II. (1818-1881) in Berlin und bekundeten ihr gemeinsames Interesse am Erhalt der monarchischen Staatsform. Im Juni 1873 unterzeichneten Franz Joseph I. und Alexander II. eine Militärkonvention, die durch den Beitritt Wilhelms I. am 22. Oktober 1873 zum "Drei-Kaiser-Abkommen" erweitert wurde. Es verpflichtete die unterzeichnenden Staaten, sich ohne Aufsuchung oder Abschluss neuer Bündnisse zunächst untereinander zu verständigen, sollte einer der drei Vertragspartner durch eine andere Macht angegriffen worden sein. So wollte man sich über eine gemeinsam zu verfolgende Linie einigen. Auf deutscher Seite war damit das Ziel der Isolierung Frankreichs, bzw. der Verhinderung eines französisch-russischen Bündnisses erreicht.

Befürchtungen in Großbritannien und Frankreich, das Abkommen der drei Kaiser könne zu einer Wiederbelebung der "Heiligen Allianz" von 1815 führen, wurden zerstreut, als Frankreich während der "Krieg-in-Sicht-Krise" 1875 Russland und Großbritannien um Beistand bat. Massive Aufrüstungsbestrebungen in Frankreich hatten im Deutschen Reich Befürchtungen aufkommen lassen, der Nachbar rüste für einen Revanchekrieg gegen Deutschland. Als daraufhin laut über einen Präventivkrieg gegen Frankreich nachgedacht wurde, machten Russland und Großbritannien mit ihrer unmissverständlichen Drohung eines militärischen Eingreifens im Fall eines deutschen Präventivschlags deutlich, dass sie trotz aller globalen politischen Gegensätze einen unkalkulierbaren Machtverlust Frankreichs - und eine weitere Stärkung Deutschlands - nicht dulden würden.

Als sich 1877/78 Kriege auf dem Balkan zu einem internationalen Konflikt zwischen Großmächten auszuweiten drohten und vor allem die Rivalitäten zwischen Österreich-Ungarn und Russland in dieser Region unüberbrückbar schienen, konnte Bismarck als selbst ernannter "ehrlicher Makler" auf dem Berliner Kongress 1878 zwischen den Mächten vermitteln und so die Kriegsgefahr in Europa beseitigen.

Allerdings litten als Folge des Berliner Kongresses die Beziehungen Deutschlands mit Russland, das sich aufgrund weitreichender Zugeständnisse als Verlierer der internationalen Zusammenkunft in Berlin sah. Die deutsch-russischen Beziehungen verschlechterten sich weiter, als Preußen und Österreich im Februar 1879 mitteilten, sie hätten im April 1878 den Artikel 5 des Prager Friedens von 1866 gestrichen, der eine Volksabstimmung in Nordschleswig in Aussicht gestellt hatte. Ganz Schleswig einschließlich des überwiegend von Dänen bewohnten Nordens war 1864 als Folge des Deutsch-Dänischen Kriegs an Preußen gefallen. Die in Artikel 5 in Aussicht gestellte Regulierung der deutsch-dänischen Grenze hatte Alexander II. als Dank für die russische Rückendeckung während der drei "Reichseinigungskriege" von 1864, 1866 und 1870/71 von Bismarck erwartet. Die Streichung des Artikels 5 kommentierte die russische Presse mit der Bemerkung, der "ehrliche Makler" habe sich eine "schöne Courtage" für die Benachteiligung Russlands zahlen lassen.

Als nach Ausbruch einer Viehseuche in Russland die Einfuhr von russischem Vieh und Fleisch nach Deutschland untersagt wurde, schrieb Alexander II. dem deutschen Kaiser am 15. August 1879 voller Empörung einen "Ohrfeigenbrief", in dem er namentlich Bismarck für die schlechten deutsch-russischen Beziehungen verantwortlich machte. Während Wilhelm I. sich bemühte, die Verstimmungen in persönlichen Gesprächen mit Alexander II. auszuräumen, handelte Bismarck mit dem österreichisch-ungarischen Außenminister Gyula Andrássy (1823-1890) ein geheimes Defensivbündnis gegen Russland aus. Durch massive Rücktrittsdrohungen gelang es Bismarck, den Kaiser am 5. Oktober 1879 auf den Zweibund festzulegen, der zwei Tage später geschlossen wurde. Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn versicherten sich darin gegenseitig, im Fall eines russischen Angriffs dem Bündnispartner militärisch beizustehen. Der Bündnisfall sollte auch dann eintreten, wenn einer der beiden Vertragspartner mit Russland verbündet wäre oder russische Unterstützung erhielte. Bei Angriff durch eine andere Macht versicherten sich Deutschland und Österreich-Ungarn der gegenseitigen wohlwollenden Neutralität. Erweitert wurde der bis 1918 gültige Zweibund 1882 durch den Beitritt Italiens zum Dreibund. Der auf fünf Jahre abgeschlossene und bis 1914 alle fünf Jahre erneuerte Dreibund hatte bis zum italienischen Kriegseintritt 1915 auf Seiten der Entente gegen die Mittelmächte Bestand.

Bis 1881 konnten Russland und Österreich-Ungarn ihre Rivalitäten auf dem Balkan zumindest so weit ausgleichen, dass sich das Zarenreich wieder den Partnern des "Drei-Kaiser-Abkommens" annäherte. Ergebnis dieser Annäherung war das auf drei Jahre befristete geheime "Drei-Kaiser-Bündnis" vom 18. Juni 1881. Die drei Mächte sicherten sich wechselseitig wohlwollende Neutralität für den Fall zu, dass einer der Vertragspartner in einen militärischen Konflikt mit einer vierten Macht verwickelt werden würde. Trotz der tiefen Gegensätze zwischen Russland und Österreich-Ungarn auf dem Balkan gelang es Bismarck nach langen Verhandlungen, die Bündnispartner 1884 zur Verlängerung des "Drei-Kaiser-Bündnisses" um weitere drei Jahre zu bewegen. Mit diesem Bündnis war zumindest dem Vertrag nach militärische Unterstützung von Russland für Frankreich im Falle eines deutsch-französischen Konflikts ausgeschlossen.

Die Beziehungen zwischen Russland und Österreich-Ungarn verschlechterten sich wegen der Balkanfrage aber derart, dass beide Staaten 1887 zu einer Verlängerung des "Drei-Kaiser-Bündnisses" nicht mehr bereit waren. Gleichzeitig schien die Kriegsgefahr auch für Deutschland zu wachsen, als die französische Publizistik verstärkt nach einem Revanchekrieg gegen das Reich rief. Der 1886 zum französischen Kriegsminister ernannte Georges Boulanger (1837-1891) förderte in der Öffentlichkeit derartige Rachegedanken und machte neue Aufrüstungspläne bekannt. In Russland wiederum forderten die Panslawisten ein gegen den Zweibund gerichtetes russisch-französisches Bündnis. Bismarck wollte daher mit dem am 18. Juni 1887 mit dem Zarenreich geheim vereinbarten Neutralitätsabkommen einen möglichen Zweifrontenkrieg Deutschlands gegen Russland und Frankreich verhindern. In der Hauptsache regelte dieser so genannte Rückversicherungsvertrag die Neutralität Deutschlands bei einem Angriff von Österreich-Ungarn auf Russland und im Gegenzug dessen Neutralität im Falle eines französischen Angriffs auf Deutschland. Zugleich sicherte Bismarck deutsche Unterstützung für den russischen Wunsch nach einer Kontrolle der Meerengen zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer zu.

Die vielschichtigen Spannungen zwischen Deutschland und Russland konnten mit dem Rückversicherungsvertrag aber nicht überbrückt werden. Ein Grund dafür war die Abkehr vom Freihandel, der in Deutschland seit dem "Gründerkrach" 1873 in Misskredit geraten war. Mit der im Juli 1879 beschlossenen Schutzzollpolitik hatte sich Deutschland auch vor russischen Getreide- und Holzexporten abgeschottet. Neben seinem Außenhandel verlagerte Russland daraufhin auch seinen Finanzhandel zunehmend nach Frankreich. Vor allem aber entwickelte der 1888 inthronisierte Kaiser Wilhelm II. in autokratischer Selbstüberschätzung kein Gespür für Bismarcks sorgsam geknüpftes Bündnissystem. Er setzte die trotz aller wirtschaftspolitischen Spannungen noch immer vergleichsweise guten außenpolitischen Beziehungen zu Russland leichtfertig aufs Spiel. Einige Tage nach der Entlassung Bismarcks 1890 wurde der Rückversicherungsvertrag auf Betreiben Wilhelms II. nicht verlängert. Die Risse im europäischen Bündnissystem waren nicht mehr zu übersehen.

Burkhard Asmuss
8. Juni 2014

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