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Die Kolonie Deutsch-Südwestafrika

Im Zuge der allgemeinen Kolonisation durch die europäischen Großmächte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war auch das Deutsche Reich bemüht, Kolonialpolitik zu betreiben und seinen Einfluss außerhalb Europas zu vergrößern. Neben einigen anderen Schauplätzen geschah dies auch im Südwesten Afrikas, der von verschiedenen Ethnien wie den Owambo, Herero, Damara und Nama bewohnt war. Die zum Teil bis zu Zehntausende Menschen umfassenden Ethnien lebten vor allem von der Viehzucht und betrieben vereinzelt Handel bis in die Kapregion im südlichsten Teil Afrikas. Unter der Bezeichnung Deutsch-Südwestafrika (heute: Namibia) hatte die Kolonie schließlich die rund anderthalbfache Größe des Deutschen Reichs.

Den Grundstein für die deutsche Kolonialisierung Südwestafrikas legte Franz Adolf Eduard Lüderitz (1834-1886). Der aus Bremen stammende Kaufmann erwarb am 1. Mai 1883 von den Bethaniern zunächst die Bucht Angra-Pequena (später: Lüderitzbucht) sowie Land im Umkreis. Im August 1883 erstand er große Gebiete, die sich weit nach Norden und Osten erstreckten. Das Deutsche Reich erklärte 1884 gegenüber den europäischen Mächten seine "Schutzherrschaft" über die von Lüderitz erworbenen Gebiete.

Verwaltet wurde die Kolonie ab 1885 zunächst vom Reichskommissar und späteren Landeshauptmann Heinrich Göring (1839-1913). Angesichts zunehmender Spannungen mit der einheimischen Bevölkerung wurde 1890 eine kaum zwei Dutzend Mann starke "Schutztruppe" unter der Führung des Hauptmanns Curt von Francois (1852-1931) aufgestellt, die an Personenstärke schon bald zunahm. Sie schlug 1893/94 den Aufstand der Nama unter der Führung von Hendrik Witbooi (um 1830-1905) nieder und sicherte damit die deutsche Kolonialherrschaft in Südwestafrika.

Um die deutsche Herrschaft zu festigen, begann unter Francois' Nachfolger als Landeshauptmann, Major Theodor von Leutwein (1849-1921), der systematische Aufbau einer deutschen Verwaltung. Deutsch-Südwestafrika wurde zunächst in die drei Bezirke Keetmanshoop, Windhuk und Otjimbingwe aufgeteilt. Bis 1914 erhöhte sich die Anzahl der Bezirke und selbstständigen Distrikte auf 16. Der Sitz der obersten Reichsbehörde befand sich in Windhuk, wo Leutwein ab 1898 unter der neuen Bezeichnung Gouverneur die deutsche Staatsmacht repräsentierte. Das Gouvernement erhielt seine Weisungen von der 1890 eingerichteten Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt und ab 1907 vom Reichskolonialamt.

In Deutschland sorgten vor allem der 1882 gegründete "Deutsche Kolonialverein", die "Deutsche Kolonialgesellschaft" von 1887 sowie der "Alldeutsche Verband" von 1894 für Interessenwerbung für die deutschen Kolonien. Sie förderten auch mit finanzieller Unterstützung Ansiedlungen in Südwestafrika. Die Anzahl der Deutschen, die als Siedler den Weg dorthin fanden, stieg kontinuierlich, doch blieb sie hinter den Erwartungen der Kolonialgesellschaften zurück: 1903 lebten rund 2.200 und 1909 rund 9.400 Deutsche in Südwestafrika. 1914 waren von den rund 14.800 in Deutsch-Südwestafrika ansässigen Weißen etwa 12.300 Deutsche. Da nur vergleichsweise wenige Frauen in Deutschland bereit waren, sich im landschaftlich kargen Südwesten Afrikas eine neue, ungewisse Existenz aufzubauen, unterhielt eine Vielzahl deutscher Männer Beziehungen zu afrikanischen Frauen. Doch erst nach Intervention der Kolonialabteilung in Berlin ließ die deutsche Kolonialverwaltung in Windhuk 1903 Eheschließungen dieser Paare rechtlich gelten, gegen die sie sich aus rassistischen Motiven verwehrt hatte. Allerdings wurden nach Bestrebungen des Gouvernements standesamtlich geschlossene Mischehen 1907 auch rückwirkend für ungültig erklärt. Damit verschärften sich Rassentrennung und Diskriminierung der indigenen Bevölkerung in Deutsch-Südwestafrika, wo ab 1907 jeder Afrikaner ab sieben Jahren gezwungen war, eine "Eingeborenen-Passmarke" zu tragen. Diese hatte er auf Verlangen jedem Weißen vorzuzeigen.

Konflikte zwischen Deutschen und Afrikanern waren wegen Unterdrückungsmaßnahmen sowie Weide- und Wasserrechten 1904 zu einem Krieg eskaliert. Zur Niederschlagung des Herero-Aufstands und des Nama-Aufstands entsandte das Deutsche Reich ein Expeditionskorps unter Generalleutnant Lothar von Trotha, das die deutsche "Schutztruppe" unterstützte. Bis zum offiziellen Ende des Kolonialkriegs 1907 starben mehrere zehntausend Menschen. Ein Großteil der Herero- und Nama-Bevölkerung fiel Kämpfen, Krankheiten und Morden zum Opfer, die Deutschen ließen sie gezielt verdursten und verhungern. Tausende Afrikaner wurden bis 1908 in Konzentrationslager interniert, die ein großer Teil von ihnen nicht überlebte. Ab 1908 wurden die am Krieg beteiligten Herero und Nama ihres Landes und ihrer Herden enteignet. Sie sollten als billige Arbeitskräfte auf Farmen, beim Bau von Eisenbahnstrecken, in Bergwerken oder Minen dienen, die nach ersten Diamantenfunden in der Lüderitzbucht 1908 neu entstanden.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 kam es in Deutsch-Südwestafrika zu Kämpfen zwischen Deutschen und Truppen aus der Südafrikanischen Union, die als Mitglied des britischen Empires dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hatte. Mit der Kapitulation der "Schutztruppe" am 9. Juli 1915 endeten der Krieg in Deutsch-Südwestafrika und die dortige deutsche Kolonialherrschaft.

Jan Antosch
2. November 2004

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