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Die Schutzzollpolitik

Die seit 1873 in Deutschland anhaltende Gründerkrise löste einen drastischen Fall der - seit den 1850er Jahren durch den wirtschaftlichen Aufschwung überhöhten - Preise für Agrar- und Industrieprodukte aus. Deshalb führte die Reichsregierung 1879 Schutzzölle auf ausländische Agrar- und Industrieprodukte ein: Sie sollten die deutsche Wirtschaft begünstigen und zu einer Stabilisierung der Preise beitragen. Die durch die Zölle nunmehr verteuerten Erzeugnisse aus dem Ausland sollten nicht mehr mit den kostengünstigeren Produkten aus Deutschland konkurrieren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts produzierten vor allem die USA, aber auch Russland und Argentinien vergleichsweise kostengünstig landwirtschaftliche Erzeugnisse. Die erwirtschafteten Überschüsse wurden in westeuropäische Länder exportiert, wo sie die Preise drückten.

Die kostengünstigere Produktion in den USA war durch die Besiedelung des Westens und die Erschließung größerer Ackerflächen möglich geworden, die um ein vielfaches billiger zu pachten waren als entsprechende Agrarflächen in Deutschland. Zugleich verbilligten die neue Technisierung der agrarischen Produktion und der rasante Ausbau der Eisenbahn in den USA, der eine erhebliche Verminderung von Transportkosten bewirkte, die landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Durch das erhöhte Angebot auf dem Weltmarkt verloren vor allem deutsche Agrarprodukte an Wert. Überdies hinderte der Überschuss auf dem Weltmarkt deutsche Produzenten daran, ihre eigenen Produkte zu exportieren.

Trotz des Widerstandes von Sozialdemokraten und den Liberalen, die das englische Freihandelssystem bevorzugten, verabschiedete der Reichstag mit den Stimmen der konservativen Parteien am 12. Juni 1879 ein Zollgesetz, mit dem das Deutsche Reich Abgaben in Höhe von zehn Mark pro Tonne auf Roheisen einführte. Dies entsprach etwa 17 Prozent des Marktpreises. Andere Industriegüter wurden mit noch höheren Zöllen belegt. Gleichzeitig legte das Gesetz auch Schutzzölle für die zuvor zollfreie Einfuhr von Getreide fest. Für Weizen stieg der Zoll von 1880 bis 1913 von zehn auf 70 Mark pro Tonne. Auch auf Vieh und andere tierische Produkte wurden nun Zölle erhoben, die jedoch nicht so hoch wie die Getreidezölle waren. Daher kamen die Schutzzölle vor allem jenen Großagrariern zugute, die viel Getreide anbauten, während auf kleineren Höfen vorwiegend Viehzucht betrieben wurde.

Vor allem Großagrarier, die sich zu Interessensverbänden wie dem 1893 gegründeten Bund der Landwirte zusammenschlossen, hatten mit Erfolg Druck auf die Politik ausgeübt. Durch ihre Lobbypolitik waren die Interessensverbände maßgeblich an der Einführung und Erhöhung der Schutzzölle beteiligt. Auch die führenden Vertreter der Industrie unterstützten die Schutzzollpolitik - so vereinigten sich Industrielle und Landwirte 1879 zu einem "Bündnis von Roggen und Eisen". Durch die erhöhten Zolleinnahmen und eine systemstabilisierende florierende Wirtschaft profitierte nicht zuletzt auch der Staat von der protektionistischen Politik. Leidtragende waren oftmals die Angehörigen ärmerer Bevölkerungsschichten: Sie konnten keinen finanziellen Vorteil durch die Schutzzollpolitik erlangen, sondern mussten die zumeist überteuerten Preise der geschützten Waren zahlen.

Nina Reusch
11. November 2015

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