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Arbeiterfrage und Streikbewegung

Robert Koehler (1850-1917) vollendete 1886 sein Gemälde "Der Streik", das die Konfrontation eines Unternehmers mit einer Gruppe im Ausstand befindlicher Arbeiter zeigt. Die spannungsgeladene Situation kann jeder Zeit in Aggressivität umschlagen. Durch Reproduktionen avancierte das Gemälde auch in Deutschland zu einer Ikone der Arbeiterbewegung. Hier verliehen Arbeiter angesichts von Willkür durch die Arbeitgeber, langer Arbeitszeiten sowie schwerer Frauen- und Kinderarbeit ebenfalls mit Streiks ihren zentralen Forderungen nach humaneren Arbeitszeiten von acht, maximal zehn Stunden, verbesserten Arbeitsbedingungen und Lohnerhöhungen Nachdruck. "Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will." Das Bundeslied des 1863 gegründeten ADAV verlieh der Hoffnung der Arbeiter nach politischen Rechten und der Verbesserung von Arbeits- und Lebenssituation Ausdruck.

Massenstreiks und gewerkschaftliche Organisation standen am Beginn einer eigenen Interessenvertretung der Arbeiter. Parallel zum Gründerboom fand der erste große Massenstreik im Deutschen Reich durch Bergleute im Ruhrgebiet 1872 statt. Weitere Streikwellen folgten 1889/90, wobei diese Streiks in der Öffentlichkeit erstmalig nicht den "Unruhestiftern" der Sozialdemokratie zur Last gelegt wurden: Als Ursache erkannte man die offenkundigen sozialen Missstände. Der Bergarbeiterstreik im Mai 1889 bildete den Höhepunkt der Arbeitskämpfe: Er erfasste mit annähernd 90.000 Streikenden nahezu alle Bergarbeiter des Ruhrgebiets, mit 14 Toten war er zudem der blutigste während des gesamten Kaiserreichs. Angesichts der durch die Arbeitsniederlegung bewirkten Behinderungen von Produktion und Energieversorgung griff Kaiser Wilhelm II. persönlich in das Streikgeschehen ein: Das Sozialistengesetz wurde 1890 nicht verlängert, die gesetzliche Verankerung von Arbeitsschutzbestimmungen, von Reichskanzler Otto von Bismarck stets abgelehnt, in Angriff genommen. Die Erlasse des Kaisers und von Bismarcks Nachfolger Leo von Caprivi verboten u.a. industrielle Kinderarbeit, Nachtarbeit von Frauen und Sonntagsarbeit und beinhalteten Regelungen zur Höchstarbeitszeit. Gegensätzliche Beurteilungen des Bergarbeiterstreiks und der Sozialgesetzgebung führten 1890 in Verbindung mit anderen Konfliktstoffen schließlich zur Entlassung Bismarcks durch Wilhelm II.

In fast allen europäischen Staaten traten Arbeiter in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg für die Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen in den Streik. An Arbeitsniederlegungen in Deutschland zwischen 1896 und 1904 waren insgesamt fast eine Million Arbeitnehmer beteiligt, für die Jahre 1905 bis 1914 weisen amtliche Streikstatistiken offiziell über zwei Millionen Streikende und Ausgesperrte aus. So streikten ab August 1903 in der sächsischen Industriestadt Crimmitschau rund 8.000 Textilarbeiter für Arbeitszeitverkürzung und Lohnerhöhungen, davon über die Hälfte Frauen. Die Behörden griffen in den Streik ein und verhängten den Kleinen Belagerungszustand. Nach 21 Wochen endete der Arbeitskampf für die Streikenden erfolglos. Im Ruhrgebiet begann im Januar 1905 ein Bergarbeiterstreik, an dem sich im Laufe eines Monats fast 200.000 Kumpel beteiligten. Auslösendes Moment war die Forderung nach der Rücknahme einer im Dezember 1904 verfügten Schicht-Verlängerung. In Hamburg kam es im Januar 1906 zum ersten politischen Streik in der Geschichte Deutschlands: Rund 80.000 Arbeiter protestierten gegen die Einschränkung ihres Wahlrechts durch eine Wahlrechtsreform, die den Stimmenanteil niedrig verdienender Bürger reduzierte. Wie auch im Ruhrgebiet, wo 1912 rund 170.000 Bergarbeiter für eine 15-prozentige Lohnerhöhung in den Ausstand traten, mussten die Streiks meist ohne Ergebnisse abgebrochen werden.

Arnulf Scriba
30. November 2005

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