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Der Flottenbau

Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde der eskalierende Rüstungswettlauf im Flottenbau zwischen Großbritannien und Deutschland offen ausgetragen. Das Streben nach Weltmacht und Prestige sowie der Erwerb von Kolonien setzten um die Jahrhundertwende ein internationales Wettrüsten in Gang. Im Kaiserreich heizten nationale Verbände wie der Alldeutsche Verband, der Deutsche Flottenverein und der Deutsche Wehrverein die Aufrüstung an. Sie erblickten darin eine wesentliche Voraussetzung für den Erwerb neuer überseeischer Gebiete. Im Zentrum des Rüstungswettlaufs stand die Flotte, mit der das Kaiserreich unter dem zuständigen Staatssekretär des Reichsmarineamtes, Alfred von Tirpitz, zur zweitstärksten Seemacht nach Großbritannien aufstieg.

"Deutschlands Zukunft liegt auf dem Meer". Mit diesen Worten kündigte Wilhelm II. 1896 eine neue Flottenpolitik an. Admiral Tirpitz begründete 1898 das Ziel des neuen deutschen Flottenprogramms: "Deutschland muss eine so starke Schlachtflotte besitzen, dass ein Krieg auch für den seemächtigsten Gegner mit derartigen Gefahren verbunden ist, dass seine eigene Machtstellung in Frage gestellt wird." Mit der Flottennovelle von 1900 wollte das Deutsche Reich seine Marine verdoppeln und das Verhältnis von deutschen zu britischen Kriegsschiffen von 1:2 auf 2:3 verschieben. Mit dem leidenschaftlich betriebenen Flottenausbau verstärkte Deutschland den machtpolitischen Gegensatz zu Großbritannien, das seine Vormachtstellung zur See ernstlich bedroht sah. Versuche einer Rüstungsbegrenzung und einer deutsch-britischen Verständigung zwischen 1909 und 1912 scheiterten an der Weigerung des Kaiserreiches, wesentliche Abstriche an seiner ehrgeizigen Flottenpolitik zu machen. Das Wettrüsten verschärfte die Spannungen im Staatensystem und belastete die Staatshaushalte der Länder schwer.

Dass das Straßenbild der Hafen- und Küstenstädte zunehmend durch die Präsenz der im traditionellen Blau gehaltenen Marineuniform bestimmt wurde, war lediglich eine äußere Begleiterscheinung der Marinerüstung. Über den Alldeutschen Verband sowie den Deutschen Flottenverein versuchten Militärs und Industrielle den Gedanken der "deutschen Seegeltung" mit Propagandakampagnen in alle Schichten des Volkes zu tragen. Die Marinebegeisterung der Erwachsenen wurde auch auf die Kinder übertragen. Als Folge der Propagierung des Marinegedankens waren strapazierfähige und praktische Matrosenanzüge in allen gesellschaftlichen Schichten beliebt. Auch maritim gestaltete Blusen oder Kleider für Mädchen konnten wie die Matrosenanzüge der Jungen zu allen Anlässen und Gelegenheiten getragen werden.

Das Wissen und Können unzähliger Konstrukteure, Ingenieure und Techniker sowie die harte Tätigkeit der Werftarbeiter schlugen sich in neuen Schiffsbauten aller Klassen nieder. Priorität hatte der Bau von Großkampfschiffen für die Hochseeflotte. Stapelläufe und Indienststellungen erfuhren eine Aufwertung durch die Anwesenheit von Mitgliedern der kaiserlichen Familie. Als populärer Massenartikel bot sich das Medium der Bildpostkarte geradezu an, auch Kriegsschiffe abzubilden. Diese Karten waren nicht nur für die auf den Schiffen diensttuenden Matrosen zum Verschicken an Angehörige gedacht. Vielmehr sollten sie die Öffentlichkeit für die Flottenpolitik begeistern und die Schlagkraft der deutschen Marine verdeutlichen.

Klaus-Peter Merta
15. Oktober 2004

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