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Musik des wilhelminischen Deutschland

Die Epoche der musikalischen Spätromantik mit ihren von Richard Wagners schwergewichtigen Musik beherrschten Dimensionen neigte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihrem Ende entgegen. Auf der Suche nach neuen Wegen für die Weiterentwicklung und Erneuerung der musikalischen Sprache wandten sich französische Komponisten wie Claude Debussy (1862-1918), Maurice Ravel (1875-1937) und Eric Satie (1866-1925) neuen, differenzierteren und impressionistischeren, aber auch dissonanteren Klang- und Farbwelten zu. Mit ihren um die Jahrhundertwende entstandenen feinfühligen Werken - Debussys Oper "Pelléas und Mélisande" wurde 1902 uraufgeführt, sein Orchesterwerk "La Mer" entstand zwischen 1903 und 1905 - setzten sie einflussreiche Gegenakzente.

Gleichzeitig erfuhr die spätromantische Tradition in Deutschland ihre Vollendung durch Gustav Mahler, Max Reger (1873-1916) und den jungen Richard Strauss. In seinem Streben nach neuen Klangfarben und musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten erreichte Mahler mit der Hinzunahme von diversen Frauen- und Knabenchören, Sopran- und Altssolostimmen, Hirtenglocken, Holzhammerschlägen, Gitarren und Mandolinen etc. sowie durch die Erweiterung des Orchesters auf über 100 Musiker die tonalen Grenzen der 300-jährigen Musiktradition.

Ähnlich zeigten auch Strauss' frühe Orchesterkompositionen "Macbeth" (1888), "Don Juan" (1889), "Till Eulenspiegel " (1895), "Also Sprach Zarathustra" (1896) und "Don Quixote" (1897), die im Gegensatz zu Mahlers subjektiven Klangorgien Objektivität und Programm aufwiesen, keine endgültige "Befreiung" von den Zwängen der Tonalität. Interessanterweise überschritt Strauss diese Grenze auch nicht nach der Erschaffung seiner Opern "Salome " (1905) und " Elektra" (1909); statt dessen erschuf er den "Rosenkavalier" (1911) - eine oftmals als Angst vor der Auseinandersetzung mit der Gegenwart gewertete Flucht ins 18. Jahrhundert.

Erst Arnold Schönberg und seine Schüler Alban Berg (1885-1935) und Anton von Webern waren gewillt, mit der Tradition rigoros zu brechen und vollkommen neue musikalische Strukturen zu entwickeln. Im Keim schon in seiner "Ersten Kammersymphonie" (1906) angelegt, gibt Schönberg in seinem folgenden "Zweiten Streichquartett" (1907/08) über weite Strecken die tonale Ordnung vollkommen auf. Hatte der Gebrauch einer Tonart dem Musikwerk eine Art Richtung vorgegeben, auf die der Zuhörer sich verlassen konnte, so war das Erspüren des Fortgangs eines Stückes von nun an nicht mehr möglich. Ein Gefühl der Verlassen- und Verlorenheit angesichts des scheinbar ungeordneten Nebeneinanders diverser Töne und Klänge war seitens des Publikums daher kaum vermeidbar. Die breite Masse der Bevölkerung bevorzugte es, Wiener Walzer, Märsche und Lieder zu hören bzw. Aufführungen von Operetten beizuwohnen.

Neben Schönberg ist Igor Strawinsky der an schöpferischem Einfallsreichtum herausragende Komponist der ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Weist sein Ballett "Der Feuervogel" (1910) noch in unterschiedliche musikalische Richtungen, so sind "Petruschka" (1911) und "Le Sacre du printemps" (1913) Ausdruck für dynamisch-rhythmische Revolutionierung der Musik.

Lutz Walther
11. März 1998

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