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Aufbruch in die Moderne

Künstler und Intellektuelle setzten sich seit 1890 gegen die geschichtsorientierte und als konservativ abgelehnte Kunst und Kultur des Kaiserreichs ab. Sezession und Avantgarde gewannen an Bedeutung. Immer neue Vereinigungen opponierten durch Abspaltungen und Neugründungen gegen die offizielle Kunstpolitik und Förderung des Konventionellen. Sie entwickelten eine Vielzahl neuer Stile und Formen, die den Anschluss an die Moderne suchten. Die zum Teil vehemente Ablehnung des Herkömmlichen und Konventionellen trieb aber nicht nur das Schaffen einer künstlerischen Avantgarde voran, sondern umfasste durch die entstehende Reformbewegung zahlreiche Lebensbereiche. Der umfassende kulturelle Aufbruch um die Jahrhundertwende reflektierte die Uneinheitlichkeit und die tiefen Brüche in der wilhelminischen Gesellschaft, die von neuen satirischen Zeitschriften mit beißender Kritik überzogen wurde. Doch trotz aller Neuerungen blieb die Kultur auch weiterhin von gesellschaftlicher Tradition geprägt.

Gegen das konventionelle, historisierende Kunstverständnis Wilhelms II., der zwischen 1898 und 1901 an der Siegesallee 32 monumentale Skulpturengruppen aus der brandenburgisch-preußischen Geschichte aufstellen ließ, opponierten Naturalisten und Impressionisten mit ihren Darstellungen aus der Alltagswelt. Auf Anregung von Walter Leistikow schlossen sich am 2. Mai 1898 bildende Künstler wie Max Liebermann, Lovis Corinth, Lesser Ury, Max Slevogt, Käthe Kollwitz, Heinrich Zille und Hans Baluschek zur „Berliner Secession“ zusammen. Ein Anlass für die Abspaltung vom herkömmlichen Kunstbetrieb war die Weigerung der Akademie der Künste und des Berliner Künstlervereins, den Künstlern der Moderne einen eigenen Ausstellungsraum und eine eigene Jury im Rahmen der Großen Berliner Kunstausstellung von 1899 zur Verfügung zu stellen. Im folgenden Jahr präsentierten die Mitglieder der Secession ihre Werke unabhängig vom offiziellen Kulturbetrieb in einem eilends errichteten Gebäude. Die Ausstellungsplakate standen in ihrer schlichten Eleganz im Gegensatz zum opulenten, an der Vergangenheit orientierten wilhelminischen Kunststil.  

Nachdem jedoch die Jury der Secession unter dem Vorsitz von Max Liebermann 27 Gemälde expressionistischer Künstler zurückgewiesen hatte, initiierten Max Pechstein, Georg Tappert und Moritz Melzer 1910/11 die "Neue Secession", von der sich 1914 wiederum aus Protest die "Freie Secession" abspaltete. Der in Deutschland um 1905 aufgekommene Expressionismus wollte vor allem emotional ansprechen. Er zeichnete sich durch eine von Gefühlsempfindungen dominierte starke Farbigkeit sowie durch Abstraktion aus. Maler wie Oskar Kokoschka, Emil Nolde, Paula Modersohn-Becker und Ludwig Meidner gehörten zu den maßgeblichen Vertretern dieses neuen, vom offiziellen Kunstbetrieb wenig geachteten Stils. Erreichten die Impressionisten die Grenze der objektiven Realität, so versuchten die Expressionisten die irreale, phantastische Welt des Unterbewussten, der Träume und des Alogischen hinter den Phänomenen zu ergründen und darzustellen. Man überschritt die Grenzen des Wachseins, suchte nach verdrängten Gedanken und unterbewussten Gefühlen und bannte sie auf die Leinwand. "Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar", sagte Paul Klee. Der expressionistische Malstil zeichnet sich durch eine von subjektiven Gefühlsempfindungen dominierte starke Farbigkeit sowie einen zur Abstraktion und Vereinfachung tendierenden Hang zum Plakativen und perspektivisch Verzerrten aus.

Im engeren Sinne hat nie eine Bewegung der Expressionisten gegeben, der Name wurde zunächst auf die Maler der "Brücke" angewandt. Die am 7. Juni 1905 von den vier Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl in Dresden gegründete Künstlervereinigung "Brücke" gehört zu den wichtigsten Repräsentanten des deutschen Expressionismus. Nach Aussagen von Heckel geht die Namensgebung auf Schmidt-Rottluff zurück, der hinter dem Begriff kein Programm, sondern eine Verbindung zwischen den verschiedenen Stilen in der bildenden Kunst, eine Brücke "von einem Ufer zum anderen", sehen wollte. Nachdem 1906 Emil Nolde, Max Pechstein, der Schweizer Maler Cuno Amiet und der Holländer Lambertus Zijl zur Gruppe gestoßen waren und die erste von sieben Jahresmappen mit Holzschnitten von Bleyl, Heckel und Kirchner veröffentlicht wurde, folgte in den kommenden Jahren eine große Anzahl von Wanderausstellungen. Am 27. Mai 1913 löste sich die "Brücke" offiziell auf. Bei ihren Mitgliedern hatte die Vorliebe für Dämonisches und elementare Sinnlichkeit dominiert, im Gegensatz zu den Malern des "Blauen Reiter". Diese Vereinigung bildete sich 1911 um Wassily Kandinsky, nachdem dieser schon 1901 die Künstlergruppe "Phalanx" und 1909 die "Neue Künstlervereinigung" gegründet hatte. 

Der Name "Der Blaue Reiter" leitete sich von seinem 1903 entstandenen gleichnamigen Gemälde ab, auf dem ein romantischer Held auf einem weißen Ross querfeldein durch eine Herbstlandschaft reitet. Gemeinsam mit Franz Marc vereinigte der "Blaue Reiter" bedeutende deutsche und russische Maler unter einer expressionistischen Konzeption. Die Künstler verband sowohl eine gemeinsame Vorliebe für mittelalterliche Kunst und Primitivismus als auch ein starkes Interesse an der zeitgenössischen französischen Kunst des "Fauvismus" und "Kubismus". Zu den engeren Mitgliedern gehörten unter anderen August Macke, Gabriele Münter, Alfred Kubin und Paul Klee; in Verbindung mit ihnen standen Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky und der Komponist Arnold Schönberg.

Im Gegensatz zu den Malern der Künstlervereinigung "Brücke" versuchten die Vertreter des "Blauen Reiter" die bestehenden Grenzen des künstlerischen Ausdrucksvermögens zu erweitern und zu einer eigengesetzlichen Bildwelt vorzudringen. Diese reicht von der metaphysischen Tiersymbolik Marcs über die Farbphantasien Mackes bis zur märchenhaften Zauberwelt Klees und den mathematisch-musikalischen Abstraktionen Kandinskys. In seinen abstrakten Werken versucht Kandinsky der eigenen Emotionalität Ausdruck zu verleihen, um somit statt den (falschen) Werten der wilhelminischen Gesellschaft zu huldigen, den Menschen zu helfen, die noch weitgehend unbekannte Welt der menschlichen Seele zu entdecken.

Ihr Forum fand diese Avantgarde in der ab 1910 erschienenen Zeitschrift „Der Sturm“. Auch die schon 1895 entstandene Berliner Zeitschrift für Literatur und Kunst "PAN" wollte der zeitgenössischen jungen Kunst ein Sprachrohr sein. Wie auch die im folgenden Jahr erscheinenden Zeitschrift "Jugend" reflektierte "PAN" kritisch die traditionelle Kunstpolitik des wilhelminischen Kaiserreichs und lehnte jegliche Form sogenannter Spießigkeit ab. Ebenfalls ab 1896 erschien in München die satirische Wochenzeitschrift "Simplicissimus" (lat. "der Einfältigste"). Seinen großen Erfolg – 1897 erschien die Auflage in 15.000 Exemplaren, 1904 bereits in 85.000 – verdankte der "Simplicissimus" sowohl seiner geistvoll streitbaren politischen Aktualität als auch der künstlerischen Qualität seiner Zeichnungen und Literaturbeiträge. Seine angriffslustige, zähnefletschende Bulldogge – ein Zeichen des Protestes gegen Kaiser und Junker, Militär und Klerus, Imperialismus und Preußentum, Beamten- und „Philistertum“ – war Wappentier und Symbol des "Simplicissimus". Auch die Auseinandersetzungen mit der Zensur und Justiz, Gerichtsverhandlungen, Geld- und Haftstrafen erhöhten dessen Popularität. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs gab der "Simplicissimus" seine oppositionelle Haltung auf und öffnete sich Nationalismus und Chauvinismus. Er wurde noch bis 1944 herausgegeben, doch den Erfolg der Vorkriegszeit hat er nicht mehr erreichen können.

Arnulf Scriba
16. Juli 2014

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