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    Rasseausweis für "Zigeuner", 1940

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Ausgrenzung und Verfolgung von Sinti und Roma

Zu "Volks- und Reichsfeinden" gehörten im NS-Regime alle Menschen, die keinen Platz in der nationalsozialistischen Vorstellung der deutschen Volksgemeinschaft hatten. Dazu zählten neben Juden vor allem "Zigeuner". Die sich selbst Sinti und Roma nennende Bevölkerungsgruppe war Schikanen ausgesetzt und wurde von den Nationalsozialisten ab 1933 schrittweise ausgegrenzt, entrechtet und verfolgt. Alle Maßnahmen gegen Juden wurden auch auf Sinti und Roma angewandt. Sie sollten aus Berufsorganisationen wie der Handwerkskammer oder den Unterabteilungen der Reichskulturkammer ebenso ausgeschlossen werden wie später aus der Wehrmacht.

Sinti und Roma waren schon im Kaiserreich und in der Weimarer Republik mit diskriminierenden Auflagen verbundenen Registrierungen und repressiven Überwachungen unterworfen. Offiziell galten diese staatlichen Erfassungsmaßnahmen gegenüber den mit vielfältigen Stereotypen behafteten "Landfahrern" einer vorbeugenden Kriminalitätsbekämpfung. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 geschah die Ausgrenzung und Verfolgung der ursprünglich aus Indien stammenden und seit dem Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit in Deutschland ansässigen Bevölkerungsgruppe vor allem auf Grundlage rasseideologischer Kriterien. Auf die geschätzten 30.000 in Deutschland lebenden Sinti und Roma übertrug das NS-Regime die Bestimmungen der Nürnberger Gesetze von 1935. Damit degradierte es die als "fremdrassig" und "undeutschen Blutes" Stigmatisierten zu Menschen minderen Rechts. So waren ihnen etwa ab 1936 zur "Reinhaltung des deutschen Blutes" Eheschließungen und außerehelicher Geschlechtsverkehr mit "Ariern" unter schwerer Strafe verboten.

Im November 1936 wurde am Reichsgesundheitsamt das "Rassehygieneinstitut" unter Leitung von Robert Ritter eingerichtet, das vor allem Daten von den Sinti und Roma sammelte. An deren zentraler Erfassung arbeitete ab 1936 die "Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens" als Abteilung des Reichskriminalpolizeiamts. Ein Runderlass des Reichsführers der Schutzstaffel (SS), Heinrich Himmler, vom 8. Dezember 1938, der die "Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen der Rasse" ankündigte, forcierte die vom NS-Regime gewünschte Registrierung und rassistische Einordnung aller Sinti und Roma im Deutschen Reich noch zusätzlich. "Rasseforscher" untersuchten deren verwandtschaftliche Verhältnisse und stellten anthropologische Vermessungen an. Anhand dieser Untersuchungen erstellte das "Rassenhygieneinstitut" annähernd 24.000 "Rassegutachten" von Sinti und Roma, die als so genannte Voll-, Halb-, Viertel- oder Achtelzigeuner definiert wurden. Diese Klassifizierungen bildeten die Grundlage für die späteren Deportationen von Sinti und Roma in die Vernichtungslager im Osten.

Ausgangspunkt zahlreicher Deportationen waren Internierungslager für Sinti und Roma, die viele deutsche Städte ab 1935 errichteten. Dorthin verschleppten Nationalsozialisten ganze Familien. Unter der Losung "Berlin ohne Zigeuner" wurden beispielsweise im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 rund 600 Sinti und Roma in der Reichshauptstadt verhaftet und in das eigens eingerichtete Internierungslager Berlin-Marzahn verbracht. Bereits im Juni 1938 waren im Zuge der von der Kriminalpolizei durchgeführten Aktion "Arbeitsscheu Reich" gegen als "asozial" eingestufte Personen mehrere hundert Sinti und Roma festgenommen und in Konzentrationslager (KZ) verschleppt worden. In den Lagern wurden sie zunächst mit dem braunen, später mit dem schwarzen Winkel gekennzeichnet und mussten Zwangsarbeit verrichten. Sie gehörten neben den jüdischen Häftlingen zu denjenigen, die in der von der SS implementierten, rassistisch begründeten Häftlingshierarchie an unterster Stelle standen.

Nach dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 übertrugen die Nationalsozialisten ihre diskriminierenden Erlasse und die Ausgrenzungspolitik auch auf die dort lebenden Sinti und Roma, die vor allem im Burgenland beheimatetet waren. Ab März 1939 erhielten alle Sinti und Roma im Deutschen Reich mit einem "Z" gekennzeichnete "Rasseausweise" statt ihrer eingezogen deutschen Pässe. Ihre nahezu vollständige Registrierung erleichterte den Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg die Deportationen von Sinti und Roma, die nach der jüdischen Bevölkerung die größte Opfergruppe des geplanten Völkermords in Europa wurden.

Arnulf Scriba
8. September 2014

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