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    Reichspräsident von Hindenburg verlässt die Nicolaikirche nach dem Gottesdienst anlässlich der Reichstagseröffnung, um sich zur Garnisionskirche zu begeben, 21. März 1933

> NS-Regime > Etablierung der NS-Herrschaft

Der "Tag von Potsdam"

Auf den Tag genau 62 Jahre nach der ersten Reichstagssitzung im Kaiserreich sollte am 21. März 1933 der erste Reichstag nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten eröffnen. Ganz bewusst wurde nach dem Reichstagsbrand Potsdam als Traditionsort preußischer Geschichte für die feierliche Konstituierung ausgewählt. In Deutschland wurde der "Tag von Potsdam" schnell als symbolische Verbindung "vom alten und neuen Deutschland", von konservativem Traditionsbewusstsein und nationalsozialistischem Erneuerungswillen wahrgenommen. Das Foto, das Adolf Hitler bei der Verabschiedung mit tiefer Verbeugung vor dem 86-jährigen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg - bekleidet mit der Uniform des kaiserlichen Generalfeldmarschalls - zeigt, brannte sich als Symbol des Festaktes in Potsdam bis in das 21. Jahrhundert tief in das kollektive Gedächtnis der Deutschen ein.

Nachdem das Reichstagsgebäude in Berlin am 27. Februar durch einen Brand zerstört worden war, wurden in der NS-Führung für die Eröffnung des Reichstages zunächst der Marmorsaal des Potsdamer Stadtschlosses sowie das Neue Palais in Erwägung gezogen. Weil die entsprechenden Räumlichkeiten jedoch zu klein und zu baufällig waren, folgte man einem Vorschlag des Potsdamer Obermagistratrates Friedrich Bestehorn, die konstituierende Parlamentssitzung mit rund 600 Teilnehmern in der Garnisonkirche abzuhalten. Da jedoch sowohl die Evangelische Kirche als auch Hindenburg eine derart politische Veranstaltung in einer Kirche ablehnten, einigte man sich schließlich darauf, die Feierlichkeit in der Garnisonkirche als Staatsakt zu vollziehen. Die eigentliche Reichstagseröffnung erfolgte am Nachmittag des 21. März 1933 wenig spektakulär in der Berliner Kroll-Oper.

Am 21. März war Potsdam dicht beflaggt mit kaiserlichem Schwarz-Weiß-Rot und Hakenkreuzfahnen. Das "Dritte Reich" präsentierte sich als legitimer Erbe des 1871 gegründeten und mit Ausrufung der Republik im November 1918 untergegangenen "Zweiten Reiches".

In der Kirche drängten sich Repräsentanten von Wirtschaft und Verwaltung ebenso wie Offiziere der Reichswehr und uniformierte Angehörige der Sturmabteilung (SA). Anwesend waren die Reichstagsabgeordneten der rechten und bürgerlichen Parteien. Die Sozialdemokraten verzichteten demonstrativ auf eine Teilnahme. Nicht teilnehmen konnten die Abgeordneten der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Sie waren, wie Innenminister Wilhelm Frick höhnisch bemerkte, "durch nützliche Arbeiten in den Konzentrationslagern" am Erscheinen gehindert. Nach den Reden von Hindenburg und Hitler erfolgte die Kranzniederlegung in der Gruft Friedrichs des Großen.

Die letztendlich von der NS-Führung erfolgreich durchgeführte propagandistische Inszenierung und Inanspruchnahme des Staatsaktes erhöhte das Prestige ihres Regimes im In- und Ausland. Vom Rundfunk wurde der "Tag von Potsdam" in voller Länge übertragen; Sonderausgaben der Presse fanden unzählige Abnehmer. Bei vielen Deutschen traf das symbolträchtige Foto mit dem scheinbar ehrerbietigen Handschlag Hitlers mit Hindenburg auf fruchtbaren Boden: Sie verbanden mit dem "Tag von Potsdam" die Hoffnung auf Überwindung der als nationale Zerrissenheit wahrgenommenen politischen Lage in Deutschland. Motive wie die aus Anlass des "Tages von Potsdam" erschienene Erinnerungsplakette mit den Brustbildern von Friedrich II., Bismarck und Hitler verfestigten diesen millionenfachen Wunsch. Das Relief sollte den Herrschaftsanspruch Adolf Hitlers unterstreichen: Wie selbstverständlich reiht sich der Soldat des Ersten Weltkrieges als "Mann des Volkes" in die Ahnengalerie der "großen Deutschen" ein und beansprucht nun deren Erbe.

Die Illusion von der harmonischen Koexistenz vom "alten und neuen Deutschland" verflog auch zwei Tage später kaum, als sich die NSDAP mit der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes durch den Reichstag bei der Verabschiedung von Gesetzen ihrer rechtlichen Bindungen an die Konservativen entledigte.

Arnulf Scriba
22. Juni 2015

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