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    Philippe Petain, um 1942

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Das Vichy-Regime

Der aufgrund der französischen Niederlage während der deutschen Westoffensive am 22. Juni 1940 im Wald von Compiègne unterzeichnete deutsch-französische Waffenstillstand führte zu einer Teilung Frankreichs. Der Norden mit der Hauptstadt Paris unterstand einem deutschen Besatzungsregime. Im unbesetzten Süden war der Kurort Vichy im Departement Allier ab Juli 1940 Sitz einer neuen französischen Regierung. Ihr unterstanden ungefähr 40 Prozent des französischen Staatsgebiets mitsamt den Kolonien sowie ein 100.000 Mann starkes Heer. Staatsschef des "État Français", der an die Stelle der bisherigen 3. Republik trat, wurde der nach dem Ersten Weltkrieg als "Held von Verdun" gefeierte Henri Philippe Pétain, der über nahezu absolute Vollmachten verfügte. Diplomatisch anerkannt wurde die Vichy-Regierung außer vom Deutschen Reich auch von den USA und der Sowjetunion.

Zunächst von einem Großteil der französischen Bevölkerung begrüßt, wurde die Vichy-Regierung bis 1944 von immer mehr Franzosen abgelehnt. Gestützt auf konservative Politiker und die katholische Kirche, proklamierte die Vichy-Regierung eine "Révolution nationale" zur moralischen Erneuerung Frankreichs. Unter der Parole "Travail, Famille, Patrie" (Arbeit, Familie, Vaterland) setzte sie sich von den Prinzipien der französischen Revolution von 1789 "Liberté, Égalité, Fraternité" (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) und der aus ihr gewachsenen republikanischen Tradition ab. Die konservativ-autoritäre Politik der nationalen Revolution drückte sich unter anderem in scharfer Pressezensur, Unterdrückung der Opposition und einem "Führerkult" um Staatschef Pétain aus.

Charakterisiert war die Politik außerdem durch Maßnahmen zur Ausgrenzung und Verfolgung von Ausländern, Freimaurern und vor allem Juden. Zunächst wurde in zwei "Judenstatuten" der Ausschluss der Juden aus dem öffentlichen Leben vollzogen. Im Winter 1941/42 veranlasste die zunehmend als Symbol einer verhassten Kollaboration mit den Deutschen geltende Vichy-Regierung die Gründung der Zwangsvereinigung der Juden in Frankreich (Union Générale des Israélites de France). Zusätzlich wurde 1942 der "Judenstern" zur äußeren Kennzeichnung der Juden eingeführt. Im Juli 1942 begann die französische Polizei und Verwaltung die Deportationen ausländischer und französischer Juden aus der Südzone in die Vernichtungslager des Ostens.

Mit dem Einmarsch deutscher Truppen in die unbesetzte Südzone Frankreichs am 11. November 1942 als Antwort auf die alliierte Landung in Nordafrika wurden die Deportationen nunmehr unter deutscher Leitung verstärkt fortgesetzt. Gleichzeitig schwand die Macht der Vichy-Regierung zusehends.

Während Pétain eher einen Kurs der begrenzten Kollaboration mit dem NS-Regime verfolgte, vertrat sein Stellvertreter Pierre Laval einen antibritischen und prodeutschen Kurs auf dem politischen, wirtschaftlichen und militärischen Sektor. Kurz nach seinem Amtsantritt als Ministerpräsident 1942 traf Laval ein Abkommen mit dem deutschen Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz Fritz Sauckel (1894-1946) zur Rekrutierung französischer Arbeitskräfte für die deutsche Kriegswirtschaft. Die Politik der Kollaboration sollte Vichy-Frankreich eine hervorgehobene Stellung in einem erwarteten nationalsozialistisch dominierten Europa sichern, verstärkte aber zugleich einen massiven Zulauf junger Leute in die Résistance. Mit der Befreiung Frankreichs durch die Alliierten und der Einsetzung einer provisorischen französischen Regierung unter General Charles de Gaulle am 25. August 1944 endete die vierjährige Regierungszeit des Vichy-Regimes.

Martin Krechting
19. Mai 2015

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