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    Das Gardelegener Gräberfeld. Hier wurden im April 1945 über tausend KZ-Häftlinge ermordet, 1945/1953

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Todesmärsche: Die Räumung der Konzentrationslager 1944/45

Im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs wurde das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager zu einem nahezu flächendeckenden Netz ausgebaut, in dem über 700.000 Gefangene inhaftiert waren. Zugleich verkleinerte sich der deutsche Machtbereich durch das Vorrücken der Alliierten stetig. Um eine Befreiung der Häftlinge zu verhindern, räumte die SS fast alle Konzentrations- und Außenlager. Die Gefangenen wurden - unzureichend bekleidet und verpflegt - mit mörderischen Bahntransporten in überfüllten Güterwaggons weggeschafft oder auf tage- und wochenlange Gewaltmärsche mitten durch zahlreiche Städte und Dörfer getrieben. Diejenigen, die mit dem Tempo der Kolonnen nicht mithalten konnten oder versuchten zu fliehen, wurden von den Wachmannschaften ermordet. Die Häftlinge nannten diese Transporte Todesmärsche.

Erste Phase der Räumung

Die Räumung der Konzentrationslager wird in drei Phasen unterteilt. Ab dem Frühjahr 1944 wurden die ersten Lager in Ostpolen und im Baltikum aufgelöst; im September 1944 die Lager Herzogenbusch und Natzweiler-Struthof im Westen.

In diese erste Phase fällt der Erlass des "Reichsführers-SS" Heinrich Himmler, im Falle eines Aufstandes oder einer Annäherung der Alliierten (dem so genannten "A-Fall") die Entscheidungsgewalt über die Konzentrationslager auf regionale Instanzen, insbesondere die Höheren SS- und Polizeiführer (HSSPF) zu übertragen. Damit bestimmten weniger zentrale Direktiven aus Berlin als vielmehr örtliche Faktoren den Zeitpunkt und die Methoden der Evakuierung der jeweiligen Lager.

Zugleich standen sich selbst in der höchsten Führungsebene des "Dritten Reiches" zum Teil völlig unterschiedliche Vorstellungen über das Schicksal der KZ-Häftlinge gegenüber. Sie reichten vom Vorhaben Hitlers, die Gefangenen sämtlich ermorden zu lassen bis zur Idee Himmlers, insbesondere die jüdischen Insassen als Geiseln in etwaigen Verhandlungen mit den Alliierten einzusetzen und daher möglichst am Leben zu erhalten.

Zweite Phase

Die zweite Phase der "Evakuierungen", begann mit der Winteroffensive der Roten Armee Mitte Januar 1945. Zunächst wurden die Lager des KZ-Komplexes Auschwitz geräumt; die SS brachte die Häftlinge auf Gewaltmärschen durch Eis und Schnee sowie in offenen Güterzügen in Konzentrationslager im Reichsinneren. Zahlreiche Gefangene konnten bei der Ankunft nur tot aus den Waggons geborgen werden. Nachdem Groß-Rosen zunächst zum wichtigsten Ziel der Räumungstransporte aus Auschwitz und anderen Lagern geworden war, evakuierte die SS auch dieses KZ. Das Ziel der Fuß- und Bahntransporte waren abermals die Lager im Reich. Der dritte Lagerkomplex, der in dieser Phase geräumt wurde, war das KZ Stutthof bei Danzig.

Mit der Ankunft zehntausender kranker und sterbender Häftlinge in den Ziellagern verschlechterten sich die dortigen Lebensbedingungen für die Gefangenen dramatisch. Um der katastrophalen Situation beizukommen, richtete die SS in mehreren Lagern Sterbezonen ein. Dort wurden die völlig entkräfteten Gefangenen größtenteils ihrem Schicksal überlassen. Zugleich führte die SS in den letzten Monaten systematische Massentötungen tausender kranker, arbeits- und marschunfähiger Insassen durch, insbesondere in Sachsenhausen, Ravensbrück und Mauthausen.

Parallel zum Massenmord erlangten bestimmte Gruppen von Häftlingen in den letzten Wochen die Freiheit. So wurden etwa 20.000 überwiegend nord- und westeuropäische Gefangene im April 1945 vom Roten Kreuz nach Schweden gebracht.

Letzte Phase der Evakuierung

Diese Maßnahmen dienten als Vorbereitung der dritten und letzten Phase der Evakuierung. Ab März/April 1945 wurden auch die Lager im Reichsinneren aufgelöst. Durch die militärische Lage blieb nur noch ein immer schmaler werdender Korridor, in welchem die KZ-Häftlinge in Richtung der verbleibenden Lager transportiert wurden.

Die Häftlinge Buchenwalds wurden Anfang April 1945 zumeist nach Süden und Südosten, insbesondere nach Flossenbürg und Dachau getrieben. Diese Lager wurden wenig später in Richtung Süden geräumt. Die Insassen von Mittelbau-Dora hingegen wurden vor allem nach Norden verbracht.  Für diejenigen Häftlinge, deren Kolonnen Sachsenhausen und Ravensbrück erreichten, ging die Odyssee weiter, als auch diese Lager kurz darauf nach Nordwesten evakuiert wurden. Unterdessen waren die Todesmärsche aus dem KZ Neuengamme in die Neustädter Bucht gelangt, wo mehrere tausend Häftlinge auf Schiffen eingepfercht wurden. Am 3. Mai 1945 wurden diese KZ-Schiffe bei einem Luftangriff auf den Neustädter Hafen von britischen Kampfflugzeugen irrtümlich beschossen. Mehr als 7.000 Gefangene kamen bei der nach einem der Schiffe benannten "Cap-Arcona"-Katastrophe ums Leben.
Wenn die Alliierten sich den Kolonnen näherten, setzten sich die Bewacher meist ab. Die überlebenden Häftlinge wurden in Dörfern, Wäldern oder auf Landstraßen befreit. Die letzten KZ-Häftlinge erlangten erst mit dem Kriegsende Anfang Mai 1945 die Freiheit.

Aufgrund fehlender Dokumente lässt sich die Gesamtzahl der KZ-Häftlinge, die auf den Räumungstransporten starben, nicht genau ermitteln. In der Forschung wird geschätzt, dass etwa 250.000 Menschen dabei ihr Leben verloren.

Todesmärsche und die lokale Bevölkerung

Durch die zahlreichen KZ-Außenlager und die allgegenwärtige Zwangsarbeit gehörten nationalsozialistische Verbrechen bereits während des Krieges zum Alltag. Mit der Räumung der Lager erreichten die massenhaften Gewalttaten gegenüber KZ-Häftlingen schließlich auch die kleinsten Gemeinden in ganz Deutschland.

Unterschiedliche Gruppen von Akteuren waren beteiligt: Eine zentrale Rolle spielten die Lagerführer der KZ-Außenlager. Bei oftmals unklarer Befehlslage mussten sie meist von einer Situation zur nächsten improvisieren. Ihnen waren die KZ-Wachmannschaften - zu denen auch weibliche Aufseherinnen gehörten - unterstellt, welche die Transporte begleiteten und Fluchten mit Gewalt verhindern sollten. Um den Personalmangel im Außenlagersystem zu decken und jüngere SS-Männer an der Front einsetzen zu können, waren diese in den letzten Kriegsmonaten oftmals durch "fremdvölkische Hilfswillige" und Wehrmachtsangehörige ersetzt worden. Es waren meist von Luftwaffe, Heer und Marine überstellte, ältere Soldaten, welche die Todesmärsche bewachten. Gelegentlich wurden auch deutsche KZ-Häftlinge als Bewacher auf Todesmärschen eingesetzt.

Die Verbrechen bei der Räumung der Lager spielten sich in der Öffentlichkeit und vor den Augen zahlreicher Zeugen ab. Deren Anwesenheit konnte das Handeln der Täter einerseits hemmen. Andererseits schränkten Zuschauer aber auch etwaige Fluchtmöglichkeiten für die Häftlinge ein und legitimierten das Handeln der Täter durch ihr sichtbares Nicht-Einschreiten.

Für die Durchführung der Todesmärsche war die logistische Unterstützung aus der lokalen Bevölkerung unabdingbar. In Dörfern, in denen übernachtet werden sollte, wurden Scheunen für die Unterbringung bereitgestellt oder requiriert. Spritzenhäuser der Feuerwehr wurden zu Behelfsgefängnissen gemacht, Fuhrwerke der Ortseinwohner zum Transport von Gefangenen genutzt. Um die Spuren der Verbrechen zu vertuschen, verscharrten Einheimische die zahlreichen zurückgelassenen Leichen der Opfer meist direkt an Ort und Stelle.

Ansprechpartner für die Bewacher waren zumeist die jeweiligen Bürgermeister oder NSDAP-Ortsgruppenleiter. Auch in die Bewachung von KZ-Häftlingen wurden Einheimische involviert, insbesondere aus den Reihen von Polizei, Gendarmerie oder Volkssturm. Sie unterstützten die Täter, um "Ruhe und Ordnung" aufrecht zu erhalten und die vermeintlich bedrohte Bevölkerung vor den KZ-Häftlingen zu beschützen.

Wenn es KZ-Häftlingen gelungen war, von den Transporten zu fliehen, zeigte sich besonders deutlich, wie weit die Tatbeteiligung der lokalen Bevölkerung gehen konnte. Gerüchte über plündernde KZ-Häftlinge machten die Runde. An vielen Orten machten einheimische Einheiten von Volkssturm und Hitler-Jugend Jagd auf geflohene Häftlinge, oft auf Geheiß der örtlichen Bürgermeister. Mitunter ermordeten auch Zivilisten auf Eigeninitiative KZ-Häftlinge. An diesen dezentralen Massenverbrechen waren Akteure aus allen Organisationen, Schichten, Alterskohorten, sozialen Gruppen und Geschlechtern der nationalsozialistischen Gesellschaft der Kriegsendphase beteiligt.

An einigen Orten fanden auch große Massaker statt, wie in Gardelegen in Sachsen-Anhalt. Dort wurden am 13. April 1945 über tausend Häftlinge aus verschiedenen Lagern von SS-Leuten, Angehörigen von Wehrmacht, Volkssturm, Reichsarbeitsdienst und anderer NS-Organisationen in einer in Brand gesetzten Feldscheune ermordet.

Zugleich bestanden in den chaotischen letzten Kriegstagen durchaus Handlungsspielräume für die Zivilbevölkerung. Gelegentlich wurden diese genutzt, um KZ-Häftlingen Hilfe zuteilwerden zu lassen, sie mit Nahrung zu versorgen, bei der Flucht zu unterstützen oder zu verstecken.

Nach dem Einmarsch der Alliierten ließen sie vielerorts Opfer der Todesmärsche durch die lokale Bevölkerung auf Ehrenfriedhöfen bestatten. Zugleich begannen erste Versuche, Täter zur Rechenschaft zu ziehen und Opfer zu identifizieren. Bis heute erinnern Grabsteine und Denkmäler in zahlreichen Ortschaften in ganz Deutschland an KZ-Häftlinge, die während der Todesmärsche ermordet wurden.

Martin Clemens Winter
28. April 2020

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