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    Kennkarte für den "Deutschen Umsiedler" Johann Ettenhofer, 1941

> Der Zweite Weltkrieg > Außenpolitik

Die Umsiedlung der deutschstämmigen Bevölkerung aus der Bukowina (Buchenland)

In einer Rede vor den Mitgliedern des Reichstags zog Adolf Hitler am 6. Oktober 1939 eine Bilanz des Polenfeldzuges und kündigte eine "neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse" an: Die "nicht haltbaren Splitter des deutschen Volkstums" sollten aus Ost- und Südosteuropa umgesiedelt werden. Diese Umsiedlung der so genannten Volksdeutschen war Teil der nationalsozialistischen Rassen- und Siedlungspolitik, deren ganzes Ausmaß aus dem 1941 in erster Fassung vorgelegten Generalplan Ost hervorgehen sollte. Die Durchführung der unter der Parole "Heim ins Reich" laufenden Aussiedlung der "Volksdeutschen" aus der Bukowina übertrug Hitler dem Reichsführer SS Heinrich Himmler, den er zum "Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums" ernannt hatte. An der Umsiedlung und "rassischen Überprüfung" der "Rücksiedler" waren auch die 1936 zur politischen Einbindung der "Volks- und Auslandsdeutschen" gegründete Volksdeutsche Mittelstelle (VOMI) der NSDAP sowie die Einwandererzentralstelle (EWZ) des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) beteiligt.

Nachdem Deutschland im geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt sein Desinteresse am rumänischen Gebiet Bessarabien erklärt hatte, verlangte die Sowjetunion am 26. Juni 1940 in einem Ultimatum an Rumänien die sofortige Abtretung der Nordbukowina und Bessarabiens. Auf Hitlers Druck überließ das mit Deutschland verbündete Rumänien die geforderten Gebiete der Sowjetunion. Der deutsch-sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 enthielt ein vertrauliches Zusatzprotokoll, in dem Deutschland und die Sowjetunion eine "grundsätzliche Übereinkunft über die Möglichkeiten einer sich aus der Interessenabgrenzung ergebenden Bevölkerungsumsiedlung" beschlossen hatten. Auf dieser Grundlage vereinbarten das Deutsche Reich und die Sowjetunion für die Nordbukowina und Bessarabien sowie das Deutsche Reich und Rumänien für die Südbukowina eine großangelegte Umsiedlungsaktion, bei der zwischen September und Dezember 1940 insgesamt rund 187.000 Deutschstämmige in das Deutsche Reich umgesiedelt wurden.
Nach der Ankunft im Deutschen Reich wurden die Volksdeutschen von "Rassekommissionen" mit Hilfe einer Auswahlprozedur nach rassischen und politischen Kriterien in so genannte O-, A- und S-Fälle eingeteilt: O-Fälle bezeichneten Menschen, die als "rassisch hochwertig" eingestuft wurden und für die Ansiedlung im "Osten", dem annektierten Polen, vorgesehen waren. A-Fälle sollten im "Altreich" verbleiben, das damals das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 sowie Österreich und das Sudetenland umfasste, um möglichst schnell "germanisiert" und integriert werden zu können. Die S- oder "Sonderfälle" galten als "rassisch minderwertig" und waren für eine Ansiedlung im polnischen Generalgouvernement oder für die Rückführung nach Rumänien bestimmt.

Dieses als "Schleusung" bezeichnete Verfahren ergab für die Deutschstämmigen aus der Bukowina und Bessarabien folgende Verteilung: O-Fälle : 132.092 Personen, A-Fälle: 47.569 und S-Fälle: 4.944. Die meisten Umsiedler aus der Bukowina und Bessarabien wurden im annektierten Polen angesiedelt: in Danzig-Westpreußen, im Regierungsbezirk Kattowitz in Oberschlesien und im Wartheland.

Nach Kriegsende 1945 gelang mehr als zwei Dritteln der Umsiedler aus der Bukowina und Bessarabien die Flucht in die westlichen Besatzungszonen oder - nach Kriegsgefangenschaft bzw. der Rückführung nach Rumänien - die Aussiedlung in die Bundesrepublik Deutschland.

Rund ein Drittel verteilte sich auf die sowjetische Besatzungszone bzw. die DDR, das europäische Ausland, Kanada oder die USA sowie die alte Heimat.

Dorlis Blume
11. Mai 2015

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