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    Wilhelm Furtwängler und die Berliner Philharmoniker, 1942

Ebenso wie die bildende Kunst und die neuen Medien wurde die Musik von den Nationalsozialisten zum Instrument der Politik gemacht. Die deutsche Musik sollte die von Deutschland beanspruchte Vormachtstellung in der Welt kulturell legitimieren. Dazu wurden die Werke berühmter deutscher Komponisten wie Ludwig van Beethoven (1770-1827) und Richard Wagner in ideologischer Weise umgedeutet. Beethovens Oper "Fidelio" wurde fortan trotz seines humanistischen Inhalts als völkisch-nationaler Aufbruch interpretiert. Wagner galt schlichtweg als musikalischer Wegbereiter des "Dritten Reichs". Im NS-Regime waren seine Opern die am häufigsten gespielten klassischen Werke. Neben Wagner und Beethoven gehörten zu den beliebtesten Stücken die Werke der "großen Deutschen" wie Johann Sebastian Bach (1685-1750), Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), Joseph Haydn (1732-1809), Anton Bruckner (1824-1896) oder Johannes Brahms (1833-1897). Von den jüngeren Komponisten waren es vor allem Werner Egk (1901-1983) und Carl Orff, die sich bei den Nationalsozialisten einiger Beliebtheit erfreuten, aber nicht nur auf ungeteilte Zustimmung stießen. 1937 wurde Orffs "Carmina Burana" zwar vor einem begeisterten Publikum uraufgeführt, der Völkische Beobachter aber kritisierte die vermeintliche "Jazzstimmung" des Werkes.

Die Nationalsozialisten vollzogen eine strenge Trennung zwischen der "wahren deutschen" und der "entarteten" Musik. Zu den als "zersetzend" und "unerwünscht" gebrandmarkten Komponisten zählten unter anderen Alban Berg (1885-1935), Hanns Eisler, Paul Dessau (1894-1979) und Ernst Krenek (1900-1991). Andere wie Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) und Giacomo Meyerbeer (1791-1864) wurden wegen ihrer jüdischen Herkunft abgelehnt.

Vor allem die Unterhaltungsmusik und der Tanzschlager erlebten im NS-Regime und im Zweiten Weltkrieg einen ungemeinen Aufschwung und Popularitätsschub. Die Rundfunkprogramme boten überwiegend diese Form der Musik, ausgerichtet auf den Geschmack eines Massenpublikums. 1938 machte der Programmanteil von Unterhaltungsmusik im Rundfunk 45 Prozent aus, 1943 waren es 70 Prozent. Unterhaltung und Ablenkung vom kriegsbedingten Alltagsleben kamen eine immense Bedeutung zu, gleichzeitig sollte das Hören von Feindsendern mit attraktiven Programmen unterbunden werden. Obwohl Jazz und Swing als "artfremde Niggermusik" verfemt waren, gelang es den Nationalsozialisten nicht, den Musikgeschmack breiter Hörerschichten beliebig umzuformen. Jazz und Swing wurden geduldet, wenn die amerikanische Herkunft verleugnet wurde und sie im Rundfunk "deutsch verpackt" als "stark rhythmische Musik" liefen. Im Zweiten Weltkrieg diente der Jazz Goebbels auch als Instrument zur Beeinflussung des Feinds. "Charlie and his Orchestra " spielten Jazz mit deutschen Propagandatexten in englischer Sprache.

Zu den erfolgreichsten Schlagerkomponisten im NS-Regime gehörte vor allem Michael Jary. Sein Lied "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern" aus dem Film "Das Paradies der Junggesellen" avancierte 1939 zu einem Welterfolg. Über 25 Millionen Menschen sahen den im Juni 1942 uraufgeführten Film "Die große Liebe" mit Zarah Leander, für den Jary den von Leander gesungenen Erfolgsschlager "Es wird einmal ein Wunder geschehen" schrieb. Bereits 1937 hatte Zarah Leander, die im NS-Regime einer der beliebtesten und teuersten Stars war, mit "Der Wind hat mit ein Lied erzählt" einen großen Publikumserfolg. Wie auch Hans Albers' "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" aus "Große Freiheit Nr.7" (1943) waren die weitaus meisten bekannten Schlager Musikstücke aus populären Filmen. Eine Ausnahme bildete das von Hans Leip (1893-1983) geschriebene, von Norbert Schultze (geb. 1911) 1938 vertonte und ein Jahr später von der Sängerin Lale Andersen (1908-1972) aufgenommene Lied "Lili Marleen". Im Zweiten Weltkrieg war es das bekannteste und meistgespielte Soldatenlied. Die englische Version des Stücks war bei britischen und amerikanischen Soldaten genauso beliebt wie die deutsche Originalfassung bei Angehörigen der Wehrmacht oder in der deutschen Zivilbevölkerung. Wie kein zweites Lied wurde "Lili Marleen" im "Wunschkonzert für die Wehrmacht" gespielt, das die Verbindung zwischen Heimat und Front herstellen sollte. Die äußerst populäre Sendung wurde jeden Sonntag von rund 50 Prozent der Bevökerung verfolgt, ihre Bandbreite reichte vom Schlager über die Operettenmelodie bis zum Militärmarsch.

Während viele Komponisten und Dirigenten Deutschland verließen, versuchten sich andere dem Regime anzupassen. Richard Strauss, der erste Präsident der Reichsmusikkammer, wurde zum kulturellen Aushängeschild der Nationalsozialisten. Trotz einiger Auseinandersetzungen um den "nicht-arischen" Librettisten seiner Oper "Die Schweigsame Frau" erfreute sich das deutsche Opernpublikum bis weit in die Kriegsjahre an seiner Musik. Anders erging es Paul Hindemith. Nach der Uraufführung seiner von Joseph Goebbels als Ausdruck der "deutschen Seele" gelobten Symphonie "Mathis der Maler" verbot Adolf Hitler auf Drängen Alfred Rosenbergs die Uraufführung der Opernversion. Wilhelm Furtwängler, der diese in der Berliner Staatsoper leiten wollte, trat daraufhin für einige Monate von seinen Ämtern zurück. Hindemith verließ Deutschland 1938. Furtwängler blieb und arrangierte sich mit dem NS-Regime.

Katrin Pieper/Lutz Walther/Arnulf Scriba
8. September 2015

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