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    Passanten lesen das Extra-Blatt der BZ mit der Schlagzeile "Allgemeine Wehrpflicht für Deutschland", 1935

Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 erkannte der neue Reichskanzler Adolf Hitler die Bestimmungen des Versailler Vertrages von 1919, der die Heeresstärke der Reichswehr auf 100.000 Berufssoldaten festschrieb, für Deutschland als nicht mehr bindend an. Die Reichswehrführung, fasziniert von der Aussicht auf den Wiederaufstieg Deutschlands zur militärischen Großmacht, unterstützte bedingungslos Hitlers Außenpolitik, die ganz offen auf die Revision des Vertragswerkes von Versailles hinzielte. Um die bereits in der Weimarer Republik geheim begonnene Aufrüstung zu forcieren, entschloss sich Hitler auf Initiative von Reichswehrminister General Werner von Blomberg 1933 zum Verlassen der Genfer Abrüstungskonferenz und zum Austritt aus dem Völkerbund. Forciert haben Blomberg und sein Chef des Ministeramts, Walter von Reichenau, auch die freiwillige Unterwerfung des Militärs unter den Führungsanspruch Hitlers und der NSDAP

Die Armee als politisches Instrument der NSDAP

1934 begannen politische Schulungen mit Materialien der NSDAP in der Armee, in die nationalsozialistisches Gedankengut vor allem von den jüngeren Offizieren und Unteroffizieren hineingetragen wurde. Das von Blomberg verordnete Tragen des Reichsadlers mit Hakenkreuz als Insignie des NS-Regimes auf der rechten Brustseite versinnbildlichte geradezu den Politisierungsprozess des Militärs und das angestrebte Leitbild des Nationalsozialisten in Uniform. Als Hitler den ehrgeizigen Ambitionen von Ernst Röhm, die Sturmabteilung (SA) mit staatlichem Waffenmonopol auszustatten, mit der Liquidierung der gesamten SA-Führung begegnete und die Reichswehr zum "einzigen Waffenträger des Reiches" erklärte, dankte es ihm Blomberg am 2. August 1934 mit der Eidesleistung der Reichswehr auf die Person des "Führers". Der persönliche Eid auf Hitler statt auf die Verfassung sollte bis 1945 für eine Vielzahl von Soldaten eine nahezu unüberwindbare ethische Barriere darstellen, sich trotz regimefeindlicher Haltung dem Widerstand in der Wehrmacht anzuschließen und sich an Attentatsplänen gegen Hitler zu beteiligen.

Da das deutsche Rüstungskonzept mit dem bestehenden Berufsheer schnell an personelle Grenzen stieß, bestimmte das "Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht" vom 16. März 1935 die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Oberster Befehlshaber der Wehrmacht war Hitler. Unter ihm übte der Reichskriegsminister als Oberbefehlshaber der Wehrmacht die Befehlsgewalt aus. Mit der Namensänderung von Reichswehr in Wehrmacht änderte sich 1935 auch offen die während der Weimarer Republik entwickelte Defensivstrategie der Armee. Die zeitgleichen Umbenennungen von Reichswehrminister in Reichskriegsminister und Reichsmarine in Kriegsmarine deuteten bereits auf Strukturen einer Angriffsarmee sowie auf den Beginn von Breitenrüstung und Kriegsvorbereitungen hin, die Hitler schließlich ein Jahr später schriftlich umriss. In einer geheimen Denkschrift zum Vierjahresplan erklärte er im August 1936, die Wehrmacht müsse in "vier Jahren einsatzfähig, die deutsche Wirtschaft in vier Jahren kriegsfähig sein".

Aufrüstung und Kriegsvorbereitung

Zwischen 1933 und Ende 1936 verfünffachte sich die Heeresstärke der Wehrmacht auf 550.000 Mann, 1939 erreichte das Heer eine Stärke von knapp 2,75 Millionen Soldaten. Zur "Erhöhung der Angriffskraft des Heeres" wurde ab 1935 vor allem der Aufbau von schnellen Verbänden und der Panzertruppe forciert, die den modernen Anforderungen einer beweglichen und weiträumigen Kriegführung standhalten sollten. Mit dem Stapellauf des Schlachtschiffs "Scharnhorst" begann 1936 in Deutschland die gezielte Flottenaufrüstung der Kriegsmarine. Dem ersten Schlachtschiff folgten mit der "Gneisenau" 1938 sowie ein Jahr später mit der "Bismarck" und der "Tirpitz" drei weitere. 1939 verfügte die 50.000 Mann starke Kriegsmarine zudem über drei Panzerschiffe, zwei Schwere sowie sechs Leichte Kreuzer, 22 Zerstörer, 16 Torpedoboote und 57 U-Boote. Eine rasche Entwicklung nahm aufgrund umfangreicher geheimer Vorbereitungen die am 1. März 1935 offiziell als dritte Waffengattung neben Heer und Marine in die Wehrmacht eingegliederte Luftwaffe. Sie umfasste 1939 rund 400.000 Mann und über 4.000 Kampfflugzeuge modernster Bauart.

Die Kosten der Aufrüstung und die volkswirtschaftlichen Konsequenzen der kriegsvorbereitenden Wehrwirtschaft waren immens. Bedenken gegen Hitlers rasante Aufrüstungspolitik und gegen die außenpolitisch riskanten Kriegsvorbereitungen äußerten im November 1937 Blomberg und der Oberbefehlshaber des Heeres, Werner Freiherr von Fritsch. Der für ihn untragbar gewordenen Generale entledigte sich Hitler im Zuge einer geschickt intrigierten Doppelaffäre Anfang 1938. Hitler löste gleichzeitig das Reichskriegsministerium auf und übernahm persönlich den Oberbefehl über die Streitkräfte. Mit dem neu geschaffenen und ihm direkt unterstellten Oberkommando der Wehrmacht (OKW) unter General Wilhelm Keitel installierte Hitler eine gefügige militärische Kommando- und Verwaltungsebene. Der Generalstab des Heeres wurde zum Oberkommando des Heeres (OKH) unter Walther von Brauchitsch umgebildet.

Widerstand in der Wehrmacht

Trotz dieser Maßnahmen gelang Hitler nicht die Unterbindung eines begrenzten Widerstands in der Wehrmacht, der sich um General Ludwig Beck, Hans Oster und Admiral Wilhelm Canaris herausbildete. Ihre Bemühungen, aufgrund drohender Kriegsgefahr während der Sudetenkrise 1938 bei höheren Offizieren Unterstützung für einen Umsturzversuch gegen Hitler zu erlangen, scheiterten an der ablehnenden Haltung der Generalität. Das Münchner Abkommen und der deutsche Einmarsch in das Sudetengebiet im Herbst 1938 beendeten vorerst sämtliche Putschpläne. Knapp sechs Jahre später - im Bewusstsein der unmittelbar bevorstehenden deutschen Kriegsniederlage sowie angesichts millionenfachen Sterbens - scheiterte mit dem fehlgeschlagenen Attentat am 20. Juli 1944 der einzige ernsthafte Staatsstreichversuch gegen Hitler. Obwohl es sich bei den Verschwörern nicht wie von Hitler angenommen um eine kleine Gruppe, sondern um eine beträchtliche Anzahl von Offizieren handelte, trug der weitaus größte Teil des Offizierskorps bis Mai 1945 den Zweiten Weltkrieg mit, der am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen begonnen hatte.

Krieg und Kriegsverbrechen

In dem fünfwöchigen "Polenfeldzug" demonstrierte die Wehrmacht mit der angewandten "Blitzkrieg"-Taktik ebenso ihre technische Stärke und strategischen Fähigkeiten wie in der sechswöchigen Westoffensive gegen Frankreich im Frühjahr 1940. Getrennt agierende deutsche Heeresgruppen stützten sich dabei auf als Stoßkeile fungierende Panzerdivisionen, deren schnelles Vordringen von der Luftwaffe gedeckt wurde. Besonders die Sturzkampfbomber (Stukas) vom Typ Junker 87 demoralisierten die gegnerischen Streitkräfte mit ohrenbetäubendem Sirenengeheul.

Den schnellen Panzerverbänden folgte die Infanterie. Das Maschinengewehr (MG) 34 gehörte dabei ebenso zu ihrer Grundausstattung wie der Karabiner 98 k und die Stielhandgranate. Der Transport der Artillerie und des Nachschubs wurde - trotz erheblicher Motorisierungsanstrengungen - zum großen Teil von Pferdefuhrwerken durchgeführt. Allein für den Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 standen der Wehrmacht bei ihrem Aufmarsch im Osten über 700.000 Pferde zur Verfügung. Die größte jemals für einen Feldzug zusammengezogene Streitmacht umfasste mit drei Millionen Soldaten drei Viertel des deutschen Feldheeres, die über 600.000 Fahrzeuge, 3.600 Panzer und 7.100 Geschütze verfügten und von etwa 2.000 Flugzeugen unterstützt wurde.

Die Wehrmachtsführung beteiligte sich an Hitlers völkerrechtswidrigem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und an der Gewinnung von "Lebensraum" im Osten. Sie akzeptierte die Ermordung hunderttausender jüdischer und slawischer Zivilisten oder kommunistischer Politkommissare durch Einsatzgruppen in den der Wehrmacht unterstellten besetzten Gebieten. Die Massenerschießungen sollten nach Anweisungen des OKW verborgen abseits der Kampfgebiete stattfinden, um die Moral der kämpfenden Truppe durch die Konfrontation mit der "Vernichtung" nicht zu untergraben. Dennoch kam es bei Exekutionen wiederholt zur engen Zusammenarbeit zwischen den Einsatzgruppen und der Wehrmacht, die Transportkapazitäten zur Verfügung stellte oder Gelände absperrte. Einzelne Wehrmachtsverbände führten selbständig Mordaktionen an der Zivilbevölkerung durch, auch "ermuntert" durch den "Reichenau-Befehl", in dem der Generalfeldmarschall von Reichenau 1941 die Soldaten zur "Vernichtung des jüdischen Untermenschentums" aufrief.

An der Ostfront

Im Krieg gegen die Sowjetunion erlitt die Wehrmacht in der Schlacht um Moskau im Dezember 1941 ihre erste große Niederlage. Hitlers Verachtung gegenüber der Generalität, der er taktisches Fehlverhalten vorwarf, kannte nunmehr keine Grenzen. Zum Jahreswechsel 1941/42 entließ er neben den drei Oberbefehlshabern der Heeresgruppen noch weitere 35 Generale. Das OKH übernahm Hitler persönlich, wodurch er nahezu sämtliche militärischen Kompetenzen in seiner Person vereinigte. Von seinem "Führerhauptquartier" aus steuerte der Gefreite aus dem Ersten Weltkrieg operativ und taktisch die Verbände an der Ostfront - im weiteren Kriegsverlauf immer häufiger in den Tod oder die Kriegsgefangenschaft. Heroische Darstellungen von der Kampf- und Opferbereitschaft von Soldaten der Wehrmacht auf Gemälden, Plakaten und Postkarten standen in starkem Kontrast zu ihren alltäglichen Fronterfahrungen sowie zu den von ihnen erlebten Strapazen und Schrecken des Krieges.

Mit der Niederlage in Stalingrad im Februar 1943 verlor die Wehrmacht schließlich auch in der Heimat ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit. Die Mobilisierung für den "Totalen Krieg" und die Steigerung der Personalstärke der Wehrmacht konnten die Kriegswende nach Stalingrad nicht verhindern. 1944 umfasste die Wehrmacht etwa vier Millionen Soldaten im Feld, das Ersatzheer - bestehend aus Kommando- und Verwaltungsbehörden sowie Schul-, Ersatz- und Wachtruppen - etwa zweieinhalb Millionen, die Luftwaffe eine Million und die Kriegsmarine 700.000 Mann. Ausländische Verbände in der Wehrmacht setzten sich größtenteils aus Kriegsgefangenen oder in den besetzten sowjetischen Gebieten rekrutierten "Osttruppen" sowie aus West- und Nordeuropäern zusammen. Zumeist war die Kampfkraft der verschiedenen Wehrmachtseinheiten in den letzten beiden Kriegsjahren trotz Rekrutierung von Tausenden von Hitlerjungen jedoch dramatisch gesunken. Demgegenüber verfügte die Waffen-SS auch bei Kriegsende über personell starke Divisionen, die zu Lasten der Wehrmacht aufgefüllt wurden. Im Herbst 1944 erreichte die Waffen-SS, die autonom agierte und der Befehlsgewalt der Wehrmacht nur in der taktischen und operativen Kriegführung unterstellt war, mit rund 900.000 Angehörigen ihren höchsten Mannschaftsstand.

Die Versuche einer Steigerung der Kampfmoral und der Opferbereitschaft innerhalb der Wehrmacht durch zahlreiche bis Kriegsende verliehene Tapferkeitsauszeichnungen wie das Ritterkreuz vermochten die hohen Verluste an fronterfahrenen Soldaten nicht zu ersetzen und die Kriegsniederlage abzuwenden. Von den zwischen 1939 und 1945 über 17 Millionen eingezogenen Wehrmachtssoldaten deutscher und nichtdeutscher Herkunft starben bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 über 4,7 Millionen. Nahezu jede Familie im Deutschen Reich hatte einen Toten oder Vermissten zu beklagen.

Arnulf Scriba
15. Mai 2015

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