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    Sowjetisches Propagandaplakat "Tod den deutschen Besatzern", 1942

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Der Überfall auf die Sowjetunion

Die Nationalsozialisten gingen von der sozialdarwinistischen Vorstellung eines naturgegebenen "Kampfes um das Dasein" der Völker und Rassen aus. Die Sowjetunion galt als Träger des "jüdischen Bolschewismus" und als eine unmittelbare Bedrohung für das Deutsche Reich. Aus nationalsozialistischer Sicht war der Kampf der überlegenen "arischen Rasse" gegen die sowjetischen "Untermenschen" unausweichlich. In einem siegreichen Eroberungskrieg gegen die Sowjetunion sah Adolf Hitler seine wahre "Mission". Der Feldzug im Osten war von Beginn an als ideologischer Weltanschauungs- und rassebiologischer Vernichtungskrieg konzipiert. Im Vordergrund standen die Eroberung von "Lebensraum" sowie die wirtschaftliche Ausbeutung der eroberten Gebiete und der dort lebenden Menschen als Zwangsarbeiter. Die Ermordung der jüdischen Bevölkerung und der sowjetischen Führungsschicht war von Anfang an vorgesehen. Zudem ordnete der "Kommissarbefehl" vom 6. Juni 1941 die sofortige Liquidierung von gefangenen kommunistischen Kommissaren der Roten Armee an.

 

Am 22. Juni 1941 eröffnete das Deutsche Reich auf breiter Front zwischen der Ostsee und den Karpaten den Krieg gegen die offensichtlich überraschte Sowjetunion. Der Wehrmacht standen für den propagierten "Kreuzzug Europas gegen den Bolschewismus" 153 Divisionen mit knapp über drei Millionen Soldaten, 3.600 Panzern und 600.000 Motorfahrzeugen zur Verfügung. Hinzu kamen 600.000 Mann aus den verbündeten Staaten Ungarn, Rumänien, Finnland, Slowakei und Italien. Die Rote Armee umfasste 4,7 Millionen Soldaten. Nur knapp die Hälfte von ihnen war allerdings bei Beginn des Angriffs im Westen der Sowjetunion bzw. in den 1939 eroberten ostpolnischen Gebieten stationiert.

Vom Überraschungsmoment begünstigt, stießen die drei deutschen Heeresgruppen gemäß dem Angriffsplan "Barbarossa" schnell nach Osten vor. Anfang September schnitt die von Ostpreußen durch die baltischen Staaten vorgerückte Heeresgruppe Nord Leningrad von sämtlichen Landverbindungen ab. Hitler wollte die Stadt aushungern. Trotz einer 900 Tage andauernden Belagerung konnte jedoch der Widerstandswillen der Eingeschlossenen nicht gebrochen werden. Östlich von Leningrad tobten an der Wolchow-Front monatelang heftige Kämpfe.

Mit der in Polen und Frankreich erprobten Strategie von keilförmigen Panzervorstößen gelangen auch der Heeresgruppe Mitte nach verlustreichen Kesselschlachten bei Bialystok und Minsk sowie bei Smolensk gewaltige Raumgewinne. Im Spätsommer 1941 bildete sie mit der Heeresgruppe Süd, die nach den Schlachten bei Uman und Kiew bis in das Donezbecken vorgestoßen war, eine zusammenhängende Front.

Ende 1941 waren das Baltikum, Weißrußland sowie große Teile der Ukraine besetzt. In den eroberten Gebieten begannen Einsatzgruppen mit ihren mörderischen "Sonderaufgaben": die systematische Ermordung jüdischer Einwohner, kommunistischer Funktionäre sowie der Sinti und Roma. Bis Ende 1941 fielen den Massenerschießungen, an denen sich auch Einheiten der Wehrmacht beteiligten, rund eine halbe Million Menschen zum Opfer. Die anfängliche Freude der einheimischen, vor allem ukrainischen und baltischen Bevölkerung über die Befreiung vom "stalinistischen Joch" durch die Wehrmacht schlug mehrheitlich in Hass um, aus dem sich ein von beiden Seiten mit äußerster Brutalität geführter Partisanenkrieg entwickelte.

Die deutschen Anfangserfolge sowie gewaltige sowjetische Verluste an Kriegsmaterial und gefallenen oder in Kriegsgefangenschaft geratenen Soldaten schienen zunächst die Auffassung des Oberkommandos des Heeres (OKH) zu bestätigen, die Rote Armee in wenigen Wochen besiegen zu können. Hitler stoppte Anfang August den vom Oberbefehlshaber der Heeres, Walther von Brauchitsch, und Generalstabschef Franz Halder dringend empfohlenen Angriff auf Moskau zugunsten der Eroberung der wirtschaftlich bedeutenden Ukraine. Die erst im Oktober 1941 begonnene Offensive gegen die Hauptstadt stockte nach den erfolgreichen Umfassungsschlachten bei Brjansk und Wjasma mit Beginn der herbstlichen Schlammperiode. Anfang Dezember brachten Schnee und eisige Temperaturen den Angriff vollständig zum Erliegen. Für die unerwartete Winterkrise machte Hitler allein die Generalität verantwortlich.

In überheblicher Erwartung eines "Blitzsieges" war die Mehrheit der deutschen Verbände nicht mit Winterkleidung und wintertauglicher Rüstungstechnik ausgestattet. Eilig improvisierte Sammelaktionen von Wintersachen und Decken im Deutschen Reich konnten die völlig unzulängliche Ausrüstung der deutschen Soldaten kaum entscheidend verbessern. Die Ausfälle von Erfrierungen überstiegen die Kampfverluste. Bereits Ende 1941 hatte die Wehrmacht mit über 200.000 Toten und 620.000 Verwundeten gewaltige, kaum zu kompensierende Verluste. Bis Mai 1945 waren es knapp 3,5 Millionen deutsche Soldaten, die für den Größenwahnsinn des NS-Regimes an der Ostfront ihr Leben ließen.

Für den Kriegsausgang waren nun die umfänglicheren Ressourcen der Sowjetunion an Soldaten und Material entscheidend. Trotz des raschen deutschen Vormarschs hatten die Sowjets 1941 einen Großteil ihrer Rüstungsbetriebe in den Ural und nach Sibirien in Sicherheit verlagert. Zudem gelang es Josef W. Stalin durch Formierung einer alliierten Koalition, erhebliche materielle Unterstützung aus Großbritannien und den USA zu erhalten. Demgegenüber verfügte die Wehrmacht trotz gesteigerter Kriegsproduktion über keine nennenswerten materiellen und personellen Reserven. Mit der Offensive frisch herangeführter sowjetischer Verbände begann in der Winterschlacht 1941/42 der sich über mehr als drei Jahre hinziehende Rückzug der Wehrmacht nach Westen. Zwar erreichte die deutsche Machtausdehnung nach der Eroberung von Sewastopol und der Sommeroffensive 1942 der Heeresgruppe Süd im Spätsommer 1942 ihren Höhepunkt. Der Vorstoß in den Kaukasus und zum Don führte allerdings zu einer Überforderung der deutschen Truppen und schließlich zur Einschließung und Gefangennahme der 6. Armee im Kessel von Stalingrad.

Trotz der Verkündung des "Totalen Krieges" mit der Mobilisierung aller Ressourcen im Februar 1943 waren die psychologischen Folgen der Niederlage von Stalingrad in der deutschen Bevölkerung verheerend. Die Wehrmacht verlor nicht nur den von der NS-Propaganda beschworenen Nimbus der Unbesiegbarkeit. Das Gesetz des Handelns war nach dem entscheidenden Wendepunkt des Feldzugs endgültig auf die Rote Armee übergegangen. Die letzte deutsche Großoffensive "Zitadelle" mit der größten Panzerschlacht des Zweiten Weltkrieges endete im Juli 1943 nach wenigen Kilometern bei Kursk in einem Desaster. Der weitere Kriegsverlauf war aus deutscher Sicht von erbittert geführten Abwehrschlachten geprägt. Den Vormarsch der Sowjets konnten die zum Teil nur über die Hälfte ihrer ursprünglichen Kampfkraft verfügenden Verbände der Wehrmacht sowie die auch die gegen Kriegsende personell starken Divisionen der Waffen-SS nicht mehr aufhalten.

Die Sommeroffensive von 1944 führte die Rote Armee bis Ende des Jahres an die Reichsgrenze. Riesige Flüchtlingstrecks vor sich hertreibend, erreichte sie nach der Winteroffensive von 1945 die Oder und Neiße. Wenige Monate später war nach der Schlacht um Berlin auch das Ende des NS-Regimes besiegelt. Die Sowjetunion kostete der bis zum 8. Mai 1945 dauernde Krieg gegen das Deutsche Reich über 25 Millionen Menschenleben.

Arnulf Scriba
19. Mai 2015

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