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    Spielplan "Radio-Sende-Spiel", 1942

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Rundfunkpropaganda für das Ausland im Zweiten Weltkrieg

Unter „Psychologischer Kriegführung“ (PKf), auch Kriegspropaganda genannt, sind alle strategischen und taktischen Maßnahmen öffentlicher Institutionen kriegführender Staaten zur Beeinflussung der gegnerischen Streitkräfte und Zivilbevölkerung mit nicht gewaltsamen Mitteln zu verstehen. In Bezug auf die Erkennbarkeit der Urheber, unterscheidet man grob zwischen „weißer“, „grauer“ oder „schwarzer“ Propaganda. „Weiß“ meint, dass sich der Urheber klar zu erkennen gibt, „schwarze“ Propaganda täuscht hingegen das Gegenteil vor oder tarnt sich als harmloses Produkt. Dazwischen oszilliert die „graue“ Propaganda durch intendierte Verwechselbarkeit, die erst durch genaues Studium Hersteller und Absicht preisgibt. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie von allen Seiten vor allem durch Flugblätter und -schriften sowie über den Rundfunk betrieben. Die Verbreitung von „Propaganda gegen den Feind“ über das Radio war vergleichsweise kostengünstig und vor allem schnell aktualisierbar, hatte aber den Nachteil, dass der Adressatenkreis von vornherein stark begrenzt war: Das anzusprechende Publikum musste ein geeignetes Empfangsgerät besitzen, was zum Beispiel in Deutschland durch die starke Verbreitung der kurzwellenuntüchtigen Kleinapparate VE 301 und DKE 38, genannt Volksempfänger beziehungsweise Deutscher Kleinempfänger, den Hörerkreis zunächst stark einschränkte. Zudem musste die Zielgruppe zu bestimmten Zeiten empfangsbereit sein.

Die Rundfunkpropaganda der Anti-Hitler-Koaliton

Viele, wenn nicht die meisten, gegen das Deutsche Reich sendenden Radiostationen standen auf britischem Boden. Und das Auftaktsignal des Deutschen Dienstes der BBC war eine der markantesten Tonfolgen des Zweiten Weltkrieges: eine dumpfe Paukenschlagversion der ersten vier Noten von Beethovens 5. Sinfonie (zugleich das Morsezeichen, dreimal kurz, einmal lang, für den Buchstaben „V“ wie Victory) gefolgt vom Satz: „Hier ist England …“ Seit 1938 „on Air“, wurde es im Laufe des Krieges zur meistgehörten „Feindsendung“ in Deutschland. Diesen Status erreichte sie vor allem durch Glaubwürdigkeit: eigene Rückschläge und Niederlagen wurden nicht verschwiegen oder beschönigt. Auch die 55 Ansprachen an die „Deutsche[n] Hörer“, die Thomas Mann zwischen 1940 und 1945 monatlich hielt, dürften zur Popularität beigetragen haben. Zahlreiche deutschsprachige Emigranten produzierten in den BBC-Studios bis zu 33 Stunden wöchentlicher Sendezeit, in denen beispielsweise Informationen über das Euthanasie-Programm oder die Ermordung der europäischen Juden ausgestrahlt wurden. Ebenfalls von Großbritannien aus sendete von Mai 1941 bis November 1943 der Geheimsender Gustav Siegfried 1 subversive „Enthüllungen“ über sexuelle Ausschweifungen der NS-Elite. Der Sender bediente sich dabei der sexualwissenschaftlichen Werke von Magnus Hirschfeld (1868-1935). Als „seriöserer“ Nachfolger begann der Soldatensender Calais ab Oktober 1943 sein speziell auf die Angehörigen der Wehrmacht ausgerichtetes Programm. Als Produkt der „schwarzen Propaganda“ war er für die Wehrmachtssoldaten nicht von deutschen Sendern zu unterscheiden.

Mit der Voice of America betraten am 1. Februar 1942 die Vereinigten Staaten das „Schlachtfeld“ im Äther. Die „Stimme Amerikas“ wurde vom Office of War Information (OWI) organisiert und weitete zusätzlich zu den deutschen Sendungen, an denen Emigranten wie Erika und Klaus Mann oder Stefan Heym mitwirkten, sein Spektrum auf am Ende 40 Sprachen aus. Heym und Klaus Mann waren neben dem für die Kriegspropaganda der US-Armee enorm wichtigen Journalisten Hans Habe (1911-1977) auch Angehörige einer US-amerikanischen Spezialeinheit, die, bestehend aus Freiwilligen und ehemaligen Kriegsgefangenen, unter anderem im direkten Kampfeinsatz mobile Geheimsender in Frontnähe betrieb.
Nach der Befreiung Luxemburgs sendete ab dem 1. Oktober Radio Luxemburg unter der Kontrolle der Psychological Warfare Division des Supreme Headquarters Allied Expeditionary Forces und unter der Leitung von Habe Nachrichten und Informationen vor allem für die deutsche Zivilbevölkerung im Rheinland. Nachdem am 7. Mai in Reims die erste Kapitulationsurkunde unterschrieben worden war, sendete zuerst Radio Luxemburg die Meldung vom Ende des Krieges in Europa durch die Welt. Unter demselben Dach betrieb das OWI zusätzlich den Geheimsender Radio 1212, der ähnlich wie der Soldatensender Calais als deutsches Radio getarnt, Falschmeldungen und Desinformation streute.

Von den sowjetischen Auslandssendern war Radio Moskau der stärkste und bekannteste. Seit 1929 aktiv, arbeiteten hier während des Krieges deutsche Kommunisten wie Wilhelm Pieck, Johannes R. Becher oder Ernst Busch (1900-1980) an einem deutschsprachigen Programm, das auch im Reich empfangen werden konnte. Im Vergleich aber zu den westalliierten Stationen, war die Senderstärke zu gering, um qualitativ ähnlich gut hörbar zu sein und die sowjetische Herkunft begrenzte das Publikum zusätzlich. Gleichwohl sicherte ein Programmpunkt eine stetig wachsende Hörerschaft: Hier konnten die Angehörige von Soldaten erfahren, ob der Ehemann oder Sohn in Kriegsgefangenschaft geraten oder gefallen war und Kriegsgefangene konnten hier Grüße an Ihre Familien schicken.

Diesen Dienst bot ab Juli 1943 der ebenfalls von sowjetischem Boden aus agierende Sender Freies Deutschland an. Als „Sprachrohr“ des Nationalkomitees "Freies Deutschland" (NKFD) konzipierten und organisierten ehemalige deutsche Soldaten und Offiziere Programm und Betrieb. Neben dem „Heimatdienst“ mit den Lebenszeichen der Kriegsgefangenen wurden auch seelsorgerische Sendungen für katholische und evangelische Gläubige ausgestrahlt, in denen das Hitlerregime aus christlich-ethischer Sicht angeklagt und für die zahllosen Verbrechen verantwortlich gemacht wurde. Zu erwähnen ist noch die so genannte „Geisterstimme“: Ebenfalls aus Moskau kommend, schaltete sich der Sender mit extrem hoher Stärke auf deutsche Frequenzen und strahlte so im Programm des Großdeutschen Rundfunks Störübertragungen in Form kurzer Kommentare oder Parolen ein.

Die Rundfunkpropaganda des Deutschen Reiches

Auch das Deutsche Reich produzierte Rundfunksendungen für das Ausland. Seit 1933 war der Deutsche Kurzwellensender der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft am Netz und bereits zu Kriegsbeginn verbreitete er seine Meldungen in 53 verschiedenen Sprachen. Über die Ausrichtung der Programminhalte stritten sich zwei Ministerien besonders heftig: das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) und das Auswärtige Amt (AA). Der Kompetenzkonflikt war derart heftig, dass Hitler selbst Anfang September 1939 mit einer Weisung die Auslandspropaganda zunächst allein in die Hände Ribbentrops legte. Ungeachtet dessen schuf Goebbels innerhalb des RMVP mit dem „Büro Concordia“ eine Abteilung, die ab Dezember 1939 über fremdsprachige Sender Zersetzungspropaganda in das feindliche Ausland träufeln sollte. Während des Frankreichfeldzuges sollen die beiden Geheimsender Radio Humanité und La Voix de la Paix durch das Verbreiten von Falschnachrichten über angebliche Gräuel der deutschen Truppen die Zivilbevölkerung zu massenhafter Flucht veranlasst haben. Das so entstandene Chaos auf den Straßen störte die Bewegungsfreiheit der französischen Truppen nachhaltig. So erwuchs aus dem Zwist um Zuständigkeiten zwischen beiden Ministerien ein regelrechter Ämterkrieg.
Durch ein interministerielles Abkommen sollte dieser im Oktober 1941 beigelegt werden: Mit der Gründung der „Deutschen Auslandsrundfunk-Gesellschaft / Interradio AG“ sollten AA und RMVP gemeinsam Geheimsender erwerben und betreiben, um den „Kampfeswillen der feindlichen Bevölkerung“ zu schwächen.
Einer davon war der durchaus erfolgreiche Kurzwellensender Germany Calling, der ab 1943, flankiert von Jazz- und Swingmusik, Propagandanachrichten und -kommentare in englischer Sprache ausstrahlte. Auch hier waren Muttersprachler beschäftigt, von denen William Joyce (1906-1946) in der Rolle als „Lord Haw Haw“, mit zeitweise angeblich sechs Millionen britischen Hörern, am bekanntesten. Populär war dieser Sender aber auch, weil er, ähnlich wie Freies Deutschland, Grüße und Namen von britischen Kriegsgefangenen über den Ärmelkanal schickte.

Maßnahmen gegen Rundfunkpropaganda

Die britische Regierung verbot das Hören der deutschen Sender nicht, initiierte aber ihrerseits Aufklärungskampagnen dagegen – die Briten sollten immerhin erkennen können, ob sie es mit „Fake-News“ zu tun hätten oder nicht. Gleichwohl überwachten die Mächte der Anti-Hitler-Koalition die Rundfunkpropaganda der Deutschen, nicht zuletzt auch, um dort arbeitende Mitarbeiter zu identifizieren und ihnen, wie Joyce, nach dem Krieg den Prozess zu machen.
In Deutschland wurde die PKf via Rundfunk durch den „Sonderdienst Seehaus“, der dem AA und dem RMVP unterstellt war, abgehört und aufgezeichnet. Anders aber als in Großbritannien war das Hören ausländischer Radiosender streng verboten. Spätestens mit Verkündung im Reichsgesetzblatt am 7. September 1939 konnte das „absichtliche Abhören ausländischer Sender“ sowie die „Verbreitung der abgehörten Nachrichten“ durch die „Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen“ im schlimmsten Fall mit der Todesstrafe geahndet werden. Diese wurde zwar, nach NS-Maßstäben, nicht oft verhängt und noch seltener vollstreckt: 1943 verurteilten Gerichte elf Menschen wegen Rundfunkverbrechens zum Tode. Doch waren Zuchthausstrafen zwischen neun und 25 Monaten gängige wie grausame Praxis. Die Verurteilten waren zuvor häufig in der Familie oder Nachbarschaft denunziert worden: Für persönliche Abrechnungen öffnete diese Verordnung alle Tore.
Eine andere Kampagne gegen das „Schwarzhören“ war die Warnzettel-Aktion von 1941/42. Hierbei sollten alle etwa 16 Millionen Radiobesitzer ein Hinweisschild an den Suchknopf des Apparates heften, auf dem ein Mahnspruch gegen das Hören ausländischer Sender zu lesen war. Wegen des direkten Eingriffs in den privaten Bereich löste diese Maßnahme starke Abwehrreaktionen unter den Deutschen aus und musste schließlich wegen Mangel an Erfolg eingestellt werden.
Ebenfalls zum Scheitern verurteilt waren der flächendeckende Einbau von Störelementen oder die geplante Umstellung des Radioempfangs auf Drahtfunk: Waren die Bauteile, teils durch private, teils durch behördliche Initiative ersonnen, meist unbrauchbar und die Nachrüstung technisch undurchführbar, blieb die Anzahl der festen Drahtfunkanschlüsse so weit hinter den Erwartungen zurück, dass die Idee aufgegeben und schließlich nur die lokalen Luftlagemeldungen über das Telefonnetz der Reichpost gesendet wurden. Die zur Überlagerung des Anti-Hitler-Radios aufgestellten Störsender erschwerten zwar immer wieder seinen Empfang, konnten ihn jedoch nicht unterbinden.

Wirkung der Rundfunkpropaganda

Die Wirksamkeit der Rundfunkpropaganda im Zweiten Weltkrieg lässt sich nicht klar beurteilen. Die der deutschen Seite war, wie am Beispiel des Frankreichfeldzuges gezeigt, operativ durchaus in Lage, Verwirrung zu stiften und dadurch den Zusammenbruch der französischen Landesverteidigung zu beschleunigen. Eine nachhaltige negative Beeinflussung der öffentlichen Meinung über die Regierung und den Krieg in der Zivilbevölkerung beim Hauptgegner Großbritannien ist hingegen nie ansatzweise gelungen.
Die Kriegspropaganda der Anti-Hitler-Koalition hat, im Ganzen betrachtet, den Krieg auch nicht substanziell verkürzt und trotz dauerhafter Anstrengung nicht zur Tiefenerschütterung der deutschen Durchhaltefähigkeit geführt. Gleichwohl deuten die weitreichende Strafandrohung wie -verhängung und andere Gegenmaßnahmen auf das Gefahrenpotenzial, das zumindest von Vertretern des NS-Regimes darin gesehen wurde. Die Deutschen hörten die Auslandssender viel und oft, ergänzten so die eigenen Informationslücken.

Thomas Jander
16. Juni 2022

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