> Weimarer Republik

Antisemitismus

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs häuften sich in Deutschland antisemitische Aktivitäten. Die Juden, die weniger als ein Prozent der Bevölkerung im Deutschen Reich ausmachten, waren in den ersten Nachkriegsjahren die Sündenböcke für all das, was einen Großteil der Deutschen traumatisierte: Revolution, Inflation, soziales Elend. Die antisemitische Propaganda stützte sich dabei vornehmlich auf den aus dem Kaiserreich übernommenen völkischen Rassegedanken. Gängige stereotype Beschreibungen skizzierten die Juden als Träger negativer Rassen- und Charaktereigenschaften. Gekennzeichnet war der Antisemitismus von einer hemmungslosen Hetze gegen demokratische und linke Politiker der als "verjudet" geltenden Weimarer Republik.

Nach Kriegsende

Die jüdische Bevölkerung hatte im Krieg ebenso viele Gefallene zu beklagen, wie es in vergleichbaren sozialen Schichten der christlichen Konfessionen der Fall war. Ab Herbst 1918 erschienen jedoch zahlreiche deutsch-völkische Flugblätter, in denen behauptet wurde, die Juden hätten sich während des Kriegs um den Kampf an der Front gedrückt und sich statt dessen durch allerlei dubiose Geschäfte schamlos bereichert. An der Legende, die Juden trügen eine Hauptschuld an der Niederlage der "im Feld unbesiegten kaiserlichen Armee", wurde mit der Dolchstoßlegende auch in späteren Jahren weiter gestrickt.

Mit Auflistungen jüdischer Kriegsteilnehmer und Empfängern hoher militärischer Auszeichnungen versuchte der im Februar 1919 gegründete "Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" zumeist vergeblich, den manipulativen Vorwürfen der "jüdischen Drückebergerei" entgegenzutreten. Die tiefgreifende Umbruchphase nach dem Krieg begünstigte vielmehr Vorstellungen des einflussreichen Alldeutschen Verbands, der nach eigenen Angaben Juden als "Blitzableiter für alles Unrecht" zu benutzen gedachte. Antisemitische und völkische Gruppierungen wie der "Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund" mit über 200.000 Mitgliedern nahmen nach dem Ersten Weltkrieg an Zahl und Mitgliederstärke rasch zu.

Vor allem aus dem Mittelstand und dem Bildungsbürgertum rekrutierten antisemitische Organisationen ihre Mitglieder und Anhänger. Die Angst vor vermeintlich überlegener jüdischer Konkurrenz verfestigte besonders bei Kleinhändlern, Ärzten und Anwälten eine intensive Judenfeindschaft. Ihrem Hass gegen die Weimarer "Judenrepublik" ließen sie freien Lauf. So wird die einst stolze und kämpferische Germania als willfährige Person dargestellt, der es gleich ist, was um sie herum geschieht. Sie nimmt die Fesseln des Versailler Vertrags ebensowenig wahr wie das zerbrochene Schwert und die am Boden liegende Krone. Unbeachtet von ihr reibt sich der den westlichen Kapitalismus darstellende assimilierte Jude zufrieden die Hände, während sich die durch Bart und Hut als Ostjude erkennbare Figur bereichert. Auf zahlreichen Bildern als "Schieber" und "Kriegsgewinnler" karikiert, waren vor allem ostjüdische Zuwanderer in den ersten Nachkriegsjahren Objekte antisemitischer Propaganda in Deutschland und Österreich. In ihrem fremdartigen Erscheinungsbild entsprachen die orthodoxen osteuropäischen Juden weitaus mehr dem traditionellen jüdischen Klischeebild als die größtenteils assimilierten deutschen. Nach Kriegsende gehörte es zu den gängigen Forderungen nationaler Kreise, die Einwanderung weiterer Ostjuden nach Deutschland zu verhindern, da sie gleichermßen für die wirtschaftliche Not und die revolutionären Erschütterungen verantwortlich gemacht wurden.

Rechte Agitation

Für die rechte Agitation war es nach Kriegsende nicht schwer, mit Rosa Luxemburg und Karl Radek ostjüdische Revolutionäre als "Sendboten des jüdischen Bolschewismus" vorzuweisen, die "dauernd die Massen zum Klassenkampf und Bürgerkrieg" aufriefen. Die Juden galten als Trägergruppe revolutionärer Unruhen schlechthin. Unterstützung fand die verbreitete These einer jüdisch-bolschewistischen Revolution in ihrem Erscheinungsbild stark jüdisch geprägten Münchner Räterepublik. Auch die Weimarer Republik galt als von Grund auf jüdisch. Ihre führenden Repräsentanten wurden als "jüdische Novemberverbrecher" diffamiert, die dem internationalem Judentum und dem westlichen Kapitalismus in die Hände spielten. Ein Opfer solcher Propaganda wurde im August 1921 der katholische "Judengenosse" Matthias Erzberger, der als Unterzeichner des Waffenstillstands am 11. November 1918 wie kaum ein zweiter Politiker gehasst wurde. Geradezu als Provokation und nationale Schmach empfanden viele Deutsche die Einsetzung des ersten jüdischen Reichsaußenministers Walther Rathenau im Februar 1922. Dem vielgesungenen Vers "Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau" ließ die rechtsextreme Organisation Consul (OC) mit der Ermordung Rathenaus im Sommer 1922 Taten folgen. Der jüdische Sozialist Maximilian Harden, Herausgeber der politischen Wochenzeitschrift "Die Zukunft", überlebte kurze Zeit später schwerverletzt ein Attentat.

Gelenkt wurden die antisemitischen Aktivitäten von "vaterländischen" Politikern, die mit den demokratischen Reformen vom Herbst 1918 einen Teil ihrer Privilegien verloren hatten und nun im Kampf gegen Republik und Demokratie bedenkenlos antisemitische Vorurteile schürten. So verpflichtete ein 1920 im Parteiprogramm neu aufgenommener Passus die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) zum Kampf gegen die "Vorherrschaft des Judentums in Regierung und Öffentlichkeit". In München ging im Februar 1920 aus der völkisch-antisemitischen Deutschen Arbeiterpartei (DAP) die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) hervor, dessen "Führer" Adolf Hitler von einem rohen Sozialdarwinismus und einem rassistischen Weltbild geprägt war.

Regierungsseite

Gegen den grassierenden Antisemitismus, wie ihn beispielsweise auch Dietrich Eckart in seiner Wochenschrift "Auf gut deutsch" verbreitete, wurde von Regierungsseite zu wenig getan. Immer wieder wurden zur Niederschlagung linker Aufstandsversuche Freikorps eingesetzt, die sich offen zum Antisemitismus bekannten. Bei der Abwehr von Antisemitismus waren die jüdischen Organisationen wie der "Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" oder der überkonfessionelle "Verein zur Abwehr des Antisemitismus" weitgehend auf sich selbst gestellt. Der Vorsitz des "Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" fiel 1921 mit Georg Gothein auf einen führenden Politiker der DDP. Von nationalen Politikern als "Judenpartei" verhetzt, trat die von vielen Juden gewählte und vertretene DDP als nahezu einzige Partei in Deutschland dem Antisemitismus entschieden entgegen.

Projüdische Verbände oder Zeitungen wie die "Freie Meinung", deren Leitartikel in scharfer Form antisemitische Tendenzen angriffen, stießen in der Weimarer Republik auf wenig Resonanz. Eine antisemitische Publizistik ergoss sich in Form von mehreren hundert Zeitschriften, Broschüren und Büchern über das Deutsche Reich. Mit Inbrunst beteiligte sich der 1923 von Julius Streicher gegründete "Stürmer" an judenfeindlichen Kampagnen. Hohe Auflagen erreichte das antisemitische Hetzblatt vorzugweise durch Skandalgeschichten mit sexuellem Hintergrund. In nahezu jeder Ausgabe berichtete die Wochenzeitschrift ausführlich über Vergewaltigungen, Mädchenhandel und andere Verbrechen, die Juden angelastet wurden.

Vor allem das "verjudete Berlin", in dem etwa ein Drittel der Juden in Deutschland lebten, galt als "Pestbeule des Reiches", wo eine avantgardistische Kunst und Kultur blühte, die von der konservativen Kultur- und Modernitätskritik als undeutsch, dekadent und "typisches Judenprodukt" bewertet wurde. Größte Aufmerksamkeit erregte dabei vor allem der "zersetzende Intellektualismus" jüdischer Schriftsteller wie Lion Feuchtwanger, Kurt Tucholsky, Erich Mühsam, Ernst Toller und Alfred Döblin. Verdammt wurden jüdische Maler wie Max Liebermann und John Heartfield oder Regisseure wie Max Reinhardt und Ernst Lubitsch. Als Maßnahme gegen die als "entartet" angeprangerten Kulturbeiträge gründete der Nationalsozialist Alfred Rosenberg, der sich zu Beginn der 20er Jahre mit den antisemitischen Schriften "Die Spur der Juden im Wandel der Zeit" und "Das Verbrechen der Freimaurer" einen Ruf in der völkischen Szene erworben hatte, 1929 den "Kampfbund für deutsche Kultur".

Antisemitische Literatur

Durch Vermittlung von Alfred Rosenberg und Dietrich Eckart hatte Adolf Hitler zu Beginn seiner politischen Laufbahn die bedeutendsten Schriften rassistisch-antisemitischer Literatur wie "Die Sünde wider das Blut" von Artur Dinter (1876-1948) kennengelernt. Mit pornographischem Einschlag beschrieb der 1917 erschienene Roman die abnormale Sexualität eines Juden, des systematisch "unberührte blonde Jungfrauen" schwängerte. Die populäre Hetzschrift Dinters trug bei Teilen der deutschen Bevölkerung entschieden zur Vertiefung antisemitischer Angstvorstellungen vor "Bastardisierung" und systematischer Zersetzung der "arischen Rasse" bei. Die Legende der jüdischen Weltverschwörung verbreiteten die "Protokolle der Weisen von Zion" wie keine zweite Schrift. Die ersten 120.000 Exemplare waren 1919 binnen kurzer Zeit vergriffen. Bis 1933 erschien die Schrift in 33 Auflagen. Durch die hohe Zahl von Ausgaben auch in zahlreichen anderen Ländern wurden die Protokolle zu einer der weitverbreitetsten und einflussreichsten Schrift des modernen Antisemitismus.

Die Kernaussagen der "Protokolle der Weisen von Zion" und "Die Sünde wider das Blut" verarbeitete Hitler 1924 ausführlich in "Mein Kampf". Er systematisierte darin seine Theorien von Antibolschewismus, Sozialdarwinismus und vom "Lebensraum". Den Kampf gegen die "jüdische Weltdiktatur" stellte Hitler in das Zentrum seiner politischen Mission. Seine Vorstellungen von der Bekämpfung der Juden, die er als "Maden im faulenden Leibe", "Pestilenz" und "Blutegel" titulierte, griff Hitler in radikalisierter Form im Ende 1926 erschienenen zweiten Band von "Mein Kampf" auf.

In der Parteipropaganda und auf Wahlkundgebungen der NSDAP spielte der Antisemitismus zu Beginn der 30er Jahre hingegen kaum eine Rolle. Die ohnehin an judenfeindliche Parolen gewöhnten Wähler suchten in Zeiten der Präsidialkabinette, der Weltwirtschaftskrise und der vielmehr Auswege aus der politischen und ökonomischen Krise. Im Schatten der Zunahme politischen Straßengewalt häuften sich ab 1930 aber die Übergriffe der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) auf jüdische Geschäfte und Bürger. Am Abend des jüdischen Neujahrsfests kam es am 12. September 1931 auf dem Berliner Kurfürstendamm zu schweren antisemitischen Krawallen. Laut Polizeibericht waren es an die 500 SA-Leute, die unter Sprechchören "Deutschland erwache - Juda verrecke" Gewalt gegen zufällig angetroffene Juden oder jüdisch aussehende Passanten verübten. Kampagnen gegen dieses Gewaltniveau verhallten zumeist ergebnislos. Zwar hatte sich bereits im Vorfeld der Reichstagswahl 1930 die "Liga für Menschenrechte" herausgefordert gefühlt, einen von zahlreichen Künstlern, Schriftstellern und Politikern unterzeichneten Aufruf gegen die "Kulturschande des Antisemitismus" zu organisieren. In einer nicht abreißenden Kette wechselseitiger und häufig tödlich endender Überfälle von SA und Rotem Frontkämpferbund (RFB) wurde judenfeindliche Gewalt von der Öffentlichkeit allerdings als bloße Randerscheinung wahrgenommen. Auch eine Serie nationalsozialistischer Terroranschläge gegen Synagogen und andere jüdische Einrichtungen änderte daran wenig. Für die jüdische Bevölkerung im Deutschen Reich waren diese antisemitischen Gewaltakte hingegen der Auftakt für jene Verbrechen und Diskriminierungen, die sie schon bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten durch das NS-Regime erfahren mussten.

Arnulf Scriba
25. Juni 2015

lo