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    Porträt des Schriftstellers Thomas Mann, 1924

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Literatur im NS-Regime

Mit dem Fanal der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 begann wenige Monate nach der nationalsozialistischen Machtübernahme unübersehbar die von den Nationalsozialisten propagierte "geistige Erneuerung" der deutschen Kunst und Literatur. An die Stelle des "undeutschen Geistes" sollte sich ab 1933 eine NS-Literatur etablieren, die vor allem Bauerntum und Volksgemeinschaft, die Blut- und Bodenideologie sowie Krieg und soldatisches Heldentum idealisierte. Im NS-Regime kamen viele schon vor 1933 bekannte Schriftsteller zu hohem offiziellem Prestige - soweit ihre Werke mit dem Weltbild der Nationalsozialisten in Einklang zu bringen waren. Unter der Leitung von Hans Friedrich Blunck (1888-1961) und ab 1935 unter Hanns Johst sollte die als Unterabteilung der Reichskulturkammer 1933 ins Leben gerufene Reichsschrifttumskammer (RSK) für die Neuordnung des literarischen Schaffens sorgen. Das "Recht zur weiteren Berufsausübung" als Schriftsteller war verbunden mit der Mitgliedschaft in der RSK. Weitgehende Unklarheit herrschte in der Kammer über die Behandlung "nichtarischer" Schriftsteller, von denen 1934 noch über 420 in der RSK geführt wurden. Ab der zweiten Hälfte des Jahres 1934 forcierte die Kammer die Ausschlüsse von "Nichtariern", ohne - wie bisher - Rücksicht auf deren "nationalen Verdienste" zu nehmen. Mit Martin Buber und Max Tau (1897-1976) wurden 1935 die letzten renommierten jüdischen Autoren aus der RSK ausgeschlossen.

Zahlreiche Künstler und Intellektuelle hatten Deutschland zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen. Über 250 verfemte Autoren befanden sich in der Emigration, darunter führende Repräsentanten der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur: Thomas Mann, Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Arnold Zweig, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Egon Erwin Kisch, Anna Seghers, Johannes R. Becher. In der Fremde verfassten sie eine Exil- und Widerstandsliteratur mit zahlreichen politischen Schriften und Romanen gegen das NS-Regime. So schilderte Feuchtwanger in "Die Geschwister Oppenheim" (1933) das Schicksal einer deutsch-jüdischen Familie in Berlin nach der nationalsozialistischen Machtübernahme. In seinem Roman "Exil" (1940) beschrieb er die Exilsituation aus eigenem Erleben ebenso anschaulich, wie es Seghers in ihrem Roman "Transit" (1944) vier Jahre später tat. Andere exilierte Autoren fanden nicht mehr die Kraft zum Schreiben. Hoffnungslosigkeit gegenüber einem baldigen Sturz des NS-Regimes und Verzweifelung waren bei Kurt Tucholsky, Ernst Toller oder Walter Benjamin Anlässe zum Freitod.

Im Deutschen Reich entwickelte sich ab 1933 neben der NS-Literatur eine nichtsystemkonforme Literatur von beträchtlichem Umfang. Bekannte Schriftsteller wie Hans Fallada, Ricarda Huch, Werner Bergengruen, Ernst Jünger, Ina Seidel (1885-1974), Reinhold Schneider (1903-1958), Ernst Wiechert (1887-1950) oder Frank Thieß (1896-1977) blieben trotz ihrer distanzierten Haltung gegenüber dem NS-Regime in Deutschland und durften weiter veröffentlichen. Viele Autoren suchten einen Rückzug ins Private und - wie es Thieß 1933 für die in Deutschland verbliebenen Literaten und Künstler ausdrückte - die "Innere Emigration". Damit wollten sie ihre Position der passiven Verweigerung und eine Abwehrhaltung gegenüber dem NS-System zum Ausdruck bringen, ohne den Weg des aktiven Widerstands zu beschreiten. Obwohl Emigranten wie Thomas Mann die moralische Integrität dieser Autoren nicht in Zweifel zogen, führte der Begriff der "Inneren Emigration" nach Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945 zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Exilierten und Daheimgebliebenen. Beide "Gruppen" nahmen für sich in Anspruch, das "andere Deutschland" repräsentiert zu haben.

Trotz staatlicher Zensur entstanden im NS-Regime Nischen und Freiräume, in denen zwischen 1933 und 1945 eine beachtliche Anzahl von bedeutender nicht-nationalsozialistischer Literatur entstehen konnte: "Wer einmal aus dem Blechnapf frißt" (1934) und "Wolf unter Wölfen" (1937) von Fallada, "Die Mauer schwankt" (1935) von Wolfgang Koeppen, "Der Großtyrann und das Gericht" (1935) von Bergengruen, "Der Wald der Welt" (1936) und "Magische Verse" (1938) von Oskar Loerke (1884-1941), "Das einfache Leben" von Wiechert oder "Ein Umweg" (1940) von Heimito von Doderer (1896-1966). 1939 erschien der symbolisch verschlüsselte Roman "Auf den Marmorklippen" von Ernst Jünger, der wie kein zweites zeitgenössisches Buch in Deutschland das NS-Regime und seinen als geistlos empfunden Totalitarismus angriff.

Die "Innere Emigration" nahmen auch Hans Carossa und Gottfried Benn für sich in Anspruch. Dabei gehörte Carossa aufgrund seiner literarischen Fähigkeiten und seines hohen Bekanntheitsgrads im In- und Ausland zu den von den Nationalsozialisten am meisten gefördertsten Schriftstellern. Carossa wurde in nationalsozialistischen Kreisen vor allem wegen seines "Rumänischen Tagebuchs" (1916) aus dem Ersten Weltkrieg sowie seiner Schriften mit Stellungnahmen gegen die avantgardistische Kunst geschätzt. Ebenso wie Gerhart Hauptmann ließ sich auch Carossa vom NS-Regime propagandistisch vereinnahmen; beide galten jedoch nicht als parteinah oder mit der Weltanschauung des Nationalsozialismus sympathisierend. Anders als Carossa und Hauptmann begrüßte Gottfried Benn die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 emphatisch als nationale Erneuerung und als Wiedergeburt der deutschen Nation. Er wurde jedoch bereits kurze Zeit später von den Nationalsozialisten als dekadenter Expressionist abgelehnt und 1938 aus der RSK ausgeschlossen.

Arnulf Scriba
15. Mai 2015

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